-chs, Schwerte/Ruhr

Das ist doch aus einem Film“. Der Sechzehnjährige gab es dem Kriminalbeamten beinahe vorwurfsvoll zur Antwort, der ihn gefragt hatte, warum seine Bände sich Schwarzer Panther genannt habe. Aber nicht nur der Gruselname dieser Bande, die jetzt im Ruhrgebiet ausgehoben worden ist, war dem Film entlehnt. „Die Jungen haben sich mit den Helden schlechter Filme identifiziert und deren Methoden zu kopieren versucht“, berichteten die Kriminalisten ...

Das Jugendamt der Stadt Schwerte hat jetzt aus diesem Fall seine Lehren gezogen. „Die größte Gefahr für die Jungen und Mädchen ist eine zu kritiklose Aufnahme der Traumwelt des Films“, meinen die Jugendpfleger, und sie entschlossen sich, die Urteilskraft der Jugend durch ein bislang einzigartiges Unternehmen zu schärfen: durch einen Kritik-Wettbewerb, zu dem tausend Schwerter Schüler eingeladen wurden.

Eine Waage, in deren Schalen zwei Filmspulen gegeneinander abgewogen werden, ist das Symbol, das die Stadt Schwerte für ihre „Wettbewerbe junger Filmkritiker“ gewählt hat. Teilnahmeberechtigt sind alle Jungen und Mädchen zwischen zwölf und achtzehn Jahren. Die Kritiken müssen spätestens 48 Stunden nach der Vorführung des Films abgegeben werden. Die treffendsten Kritiken werden prämiiert.

Ernst Marquis, der Leiter der Schwerter Jugendamtes, und sein Jugendpfleger Friedhelm Micus gestehen freimütig, daß sie ihr Experiment mit einiger Skepsis begannen. Aber schon der erste Versuch verscheuchte ihre Bedenken. Dreihundert Jugendliche kamen, um Die Mädels vom Immenhof als ersten Testfilm zu beurteilen. „Zugegeben, dieser Streifen war für unser Vorhaben nicht gerade ideal, aber er hat schließlich das Prädikat ‚jugendfördernd‘“, sagt der Jugendpfleger.

Die Jury – bestehend aus einem Lehrer, zwei Geistlichen, einem Redakteur, einem Kinogeschäftsführer und einem Vertreter des Jugendamtes – erhielt Kritiken von vier Zeilen bis zu einer Schreibmaschinenseite. Einige Volksschüler, Oberschüler, Handelsschüler, Bauschlosser und kaufmännische Lehrlinge hatten sich beteiligt. Der älteste „Kritiker“ war 17 Jahre, der jüngste – ein Mädchen – knapp zwölf. Der Schwerter Konrektor Honsalek, der als Vertreter der Schulen in der Jury saß, gab zu, selten so viel Freude beim Korrigieren von Aufsätzen gehabt zu haben wie bei der Auswertung der Filmkritiken: „Für einen Pädagogen eine Fundgrube!“

„Kann es denn wirklich geschehen, daß alle Nöte durch finanzkräftige Schwiegersöhne, herzige Mädel und tüchtige Tierärzte gelöst werden?“ fragte ein 17jähriger Obersekundaner in seiner Kritik. „Die Antwort heißt nein. Alle Arbeit des Regisseurs, des Drehbuchautors, der Stars und aller Akteure – und auch meine 80 Pfennig, die ich für die Vorführung zahlte, müssen als verloren angesehen werden.“

Die Preisträger des Kritikerwettbewerbs waren sich darin einig, daß der Film „nicht wirklichkeitsnahe“ war und „zu glücklich ausging“. Viele bemängelten die „allzu romantischen Bootsfahrten“ und die „Kußszenen“. „In diesem Punkt haben die meisten ein untrügliches Gefühl für echte Gefühle und verlogenen Kitsch gezeigt“, stellte Jugendleiter Micus bei der Durchsicht der Kritiken fest. „Nur wenige Jugendliche haben alles für bare Münze genommen.“