Von Walter D. Schultz

Die russische Revolution hatte sich mit einem ihr fraglos wertvollen moralischen und politischen Tabu umgeben, das am wirkungsvollsten Ausdruck fand in der Parole: "Hände weg von Sowjetrußland." Dieser psychologische Verteidigungszustand hielt der falschen, oft verhängnisvollen Politik der Komintern bis zum Jahre 1933 stand, dann, spätestens 1939, zerbrach er mit dem Abschluß des Hitler-Stalin-Paktes. Ja, es begann zu Anfang der dreißiger Jahre auch bei den Intellektuellen der Weimarer Republik eine Entromantisierung der Haltung zu Sowjetrußland. Natürlich, der Ablösungsprozeß von einer Idee wird um so schmerzlicher, je geistiger der Weg zu ihr war und je totaler sie den Menschen umfaßte. Inzwischen erschienen zahlreiche Bücher, die eine Begründung für die Abkehr vom Kommunismus geben. Oft genug entstammen die heutigen Worte der Verdammung den gleichen Federn, die damals die Sowjetunion priesen. Zwischen dem Ja und dem Nein liegen Jahre der Enttäuschung.

Einer der aktivsten deutschen Intellektuellen unter den Kommunisten der Jahre nach 1918 hat nun seine Lebensgeschichte veröffentlicht:

Gustav Regler: "Das Ohr des Malchus"; Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln-Berlin; 528 S., 18,50 DM.

Gustav Regler, der jetzt Sechzigjährige, um die Jahrhundertwende im Saargebiet geboren, heute in Mexiko ansässig, hat sich diesen Lebensbericht in Romanform nicht leicht gemacht. Es ist eine Bilanz Deutschlands für die letzten vierzig Jahre.

Jüngere Leser finden in Reglers Buch die Atmosphäre der zwanziger Jahre in Deutschland so lebendig wiedergegeben wie selten, verwoben freilich mit persönlichen und persönlichsten Erlebnissen aller Art. Es ist ein Buch, das die politischen Fragen auf oft naive, aber vielleicht deshalb faszinierende Weise anpackt. Regler ist nicht Politiker, sondern Erzähler; nicht Theoretiker, sondern Darsteller von erlebten Situationen.

Eigentlich sind es sechs Bücher in einem; sechs Bücher, von denen jedes die Leidensstationen eines wachen und allmählich kritisch werdenden Menschen bezeichnet: Jugend und Weltkrieg; Revolution und Weimarer Republik, Exil: zunächst Frankreich, dann Sowjetunion; Saarkampf, wieder Sowjetunion, Moskauer Prozesse; Frontkampf um die Spanische Republik; zweites französisches Exil, zweiter Weltkrieg und Flucht nach Mexiko. Stationen eines Lebens, Stationen der Geschichte unserer Tage.