Über die in der Erde Sardiniens gefundenen Kleinbronzen ist schon manches geschrieben worden, aber noch kaum etwas vom eigentlich künstlerischen Standpunkt aus Erlebtes. Für den Archäologen und Frühgeschichtsforscher mögen diese kaum spannenlangen und oft noch kleineren Bronzemännlein und -weiblein durch die genaue, auf das Wesentliche zielende Wiedergabe von Körperhabitus und Tracht, sowie Jagd- und Kriegsgerät ein ergiebiges Forschungsgebiet sein, aus dem man kostbare Erkenntnisse über die Menschen jener frühen Zeiten und ihre Kultur gewinnen kann.

Den Bildner fesseln angesichts der sardischen Bronzefiguren andere Dinge. Er glaubt nicht an Entwicklungen, etwa von primitiven zu "höheren" Ausdrucksformen. Im selben Museum zu Cagliari nämlich, wo wir die vielen uns so gegenwärtig anmutenden Kleinbronzen bewundern, befindet sich unter einem Glassturz das marmorne Idol einer mittelmeerischen Muttergottheit aus dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend, das also weit älter ist und das doch in seiner abstrakten Stilstrenge und formalen Logik beinahe modern wirkt, fern aller Natur und ganz "verfremdet". Das will besagen, daß mit Datierungen und zeitlicher Einordnung über den Wert von Kunstwerken und über ihre Beziehung zu uns Lebenden nichts auszusagen ist.

Was den Künstler an altsardischen Statuetten so begeistert, ist die Einheit von handwerklicher Mache und Form. Die Statuetten sind Metallabgüsse von in Wachs modellierten Figürchen. Diese "Wachsbozetti" entstanden unter den Händen geschickter Männer aus Walzen, Würstchen, gekneteten Wachskegeln. Breitgedrückte Wachsklümpchen bezeichneten Augen und Brustwarzen; Kügelchen wurden auf die Hörner kleiner Wachsstiere gesetzt; ausgewalzte Wachsküglein verwandelten sich in breitrandige Sonnenhüte, Kriegerschilde oder weite Mäntel. Mit einem zugespitzten Holz- oder Knochenstäbchen wurden Einkerbungen auf den Augenbrauenwülsten oder am Mantelsaum Fransen andeutend angebracht, unter dem Nasenkeil die Mundspalte eingetieft; oder es wurden liebevoll das Haarkleid eines jagdbaren Mufflons und die Borsten bei einem Eber eingeritzt. Man glaubt dem Schöpfer dieser einnehmenden Kleinkunstwerke über die Schulter weg bei seinem emsigen Tun zuzuschauen.

"Richtige" oder harmonische Proportionen im klassischen Sinne kannten diese Künstler nicht. .Vielmehr betonten sie ganz naiv das, was ihnen wichtig zu sein dünkte: bei Kriegern den Helm mit der Helmzier, die meist aus langen Kuhhörnern bestand, manchmal auch aus einem breiten Haarbusch; bei Jägern den Bogen und den Köcher mit den Pfeilen, auch die starken, "unnahbaren" Hände und Füße, die Beinschienen und die Jagdtasche auf dem Bauch. Die Masse des Rumpfes erscheint dagegen oft vernachlässigt, dünn wie ein Stäbchen. Auf die Köpfe wurde große Sorgfalt verwendet; dabei ist ein Typus herausgearbeitet, dem man noch heute im Innern der Insel zu begegnen meint. Diesem Typ sind eigen: dichte, fast zusammenwachsende Brauen, brennende Augen, keilförmig oder hakig vorspringende Nase, schmale Gesichtsform, vorgebaute Mundpartie, gegen die das Kinn seltsam zurückbleibt, dazu hagerer, drahtiger Körperbau.

Man muß sich vorstellen, daß diese altsardischen Kleinkunstwerke in Metallguß mit dem bescheidensten Handwerkszeug und unter ungünstigen Bedingungen – wahrscheinlich unter freiem Himmel oder in einer fensterlosen Höhle am Boden kauernd – modelliert, eingeformt, gebrannt und gegossen wurden. Hatten diese Männer der Nuraghen-Zeit – so benannt nach den aus Rohblöcken ohne Mörtel aufgebauten Nuraghentürmen – zum Guß ihrer Schwerter, Dolche und Äxte sauber gearbeitete Negativformen aus Speckstein, so blieb ihnen für das Einformen der oft recht komplizierten Krieger-, Jäger-, Frauen- und Tierfiguren nur Lehm und feiner Quarzsand.

Zum Schmelzen des Metalles hatten die Nuraghen-Männer Holzkohle, die sie mit Blasebälgen zur Weißglut brachten. Wenn man weiß, wie schwierig und gefahrvoll heute noch das Bronzegießen ist und was alles dabei beachtet sein will, so muß man jenen kühnen Handwerkern, die weder über unsere Brennöfen, noch unsre graphitenen Schmelztigel, noch über härtere Wachssorten und unsre Gebläse verfügten, die allergrößte Bewunderung zollen. Die Metalle, Kupfer und Zinn, haben sie wohl aus den erzreichen Gebirgen Sardiniens gewonnen oder von Seefahrern eingetauscht.

Gewinnt man allmählich einen Überblick über die Reihen der Bronzestatuetten, so kann man verschiedene Formtendenzen oder Figurentypen gewahren: neben den streng frontal ausgerichteten Krieger- und Jägerfiguren im vollen Schmuck der Waffen, mit den schlanken, fast zylindrisch geformten Köpfen, sieht man nackte oder halbnackte Figuren, die weicher modelliert sind, deren Köpfe mehr kugelig oder dreikantig erscheinen, deren Arme wie dünne Schläuche vom langgezogenen Körper abstehen. Ihre ganze Modellierung ist einfacher, schmuckloser, die Augen oft nur als eingetiefte Punkte, nicht als plastische Knöpfe oder Mandeln angedeutet. Aus solchen und anderen Stilunterschieden schließen die Gelehrten auf verschiedene Entstehungszeiten und, den Fundstellen entsprechend, auf unterschiedliche Kulturen und Stämme.

In beiden Stilgruppen entdeckt der Künstlersinn Kostbarkeiten des naiven, unmittelbar verwirklichten Ausdrucks und ist davon auf’s stärkste berührt und bereichert. "Kunst" in unserem Sinne wollten jene frühen sardischen Männer gewiß nicht machen. Vielmehr sind alle diese ergreifend lebendigen bronzenen Gebilde sicher aus religiösem Gefühl als Dankesgaben an eine Gottheit entstanden. Ergriffenheit und frommer Schauder stehen hinter jedem dieser Kleinkunstwerke, die uns Heutelebende durch die Unmittelbarkeit der Aussage so überzeugen. Hier ist wirklich Form und Inhalt eines.