M. D., London, Ende Juli

Es ließe sich schwerlich behaupten, daß das Londoner Treffen der Bagdadpaktmächte Anfang dieser Woche unter glücklichen Auspizien stand.

Der Bagdadpakt war aus einer türkisch-irakischen Allianz entstanden: Irak war der Eckstein jenes "nördlichen Riegels" prowestlicher Staaten, der alle sowjetischen Expansionsversuche nach Westen von vornherein vereiteln sollte. Dieser Eckstein ist zwar nicht gänzlich zu Staub zerfallen, aber es zeigte sich nun, daß er nur aus Papiermache war.

Die Delegierten versammelten sich überdies in London mit dem unschönen Gefühl, daß der ganze Riegelbau nicht viel genützt habe, da es den Sowjets längst gelungen ist, die künstliche Barriere zu überspringen. (Am ersten Sitzungstag kam die Meldung, daß in Damaskus eine angeblich von Russen betriebene neue Radarstation großer Reichweite in Betrieb genommen worden sei.) Und zugleich stand die Versammlung unter dem Eindruck den Tatsache, daß die Intervention im Libanon und in Jordanien, indem sie eine Gipfelkonferenz in greifbare Nähe rückte, genau das Gegenteil des beabsichtigten Effekts bewirkt hatte. Sie nämlich verschaffte Moskau jenes Mitspracherecht im Mittleren Osten, gegen dessen Anerkennung Großbritannien sich 150 Jahre lang gewehrt hatte.

Was sollte nun, da der Austritt des Irak aus der Allianz zu erwarten steht, die zukünftige Funktion des Paktes sein? Das war die große Frage, die sich die Delegierten aus England, der Türkei, Persien und Pakistan sowi John Foster Dulles, der als "Beobachter" an der Sitzung teilnahm, in London vorlegen mußten.

Es gab gerade bei den Briten Stimmen, die den Pakt unter den gegenwärtigen Umständen für funktionsfähig halten. Pakistan, so betonten sie, richte den Blick ohnehin weniger auf die Bedrohung durch Rußland als auf Kaschmir. Persien habe eine schwache Regierung und eine nur mangelhaft ausgerüstete Armee; außerdem habe der Schah ja schon einmal außer Landes flüchten müssen, und in den Streitkräften sei, wie die jüngsten Säuberungen zeigten, der kommunistische Einfluß nicht gering.

Was die Türkei anging, deren strategische Bedeutung durch den Umsturz im Irak noch erhöht worden sei, war an der Themse niemand so recht glücklich über ihr zunehmend undemokratisches Regime, das den Oppositionsführern selbst in der außerordentlichen Parlamentsdebatte über die irakische Krise das Wort verweigerte. Zudem wurde es manchem Delegierten unbehaglich angesichts des kaum verhüllten türkischen Bedauerns darüber, daß es nicht zu einem "Marsch auf Bagdad" gekommen ist. Die Engländer fürchten überdies als unerfreuliche Nebenwirkung der Krise, die zwangsläufig zu einer Aufwertung der Türkei führte, daß Ankara sich nun jeglichem Vorschlag verschließen wird, auf die türkischen Zyprioten mäßigend einzuwirken.