Auf dem Bayreuther Festspielprogramm stehen in diesem Sommer acht Werke Richard Wagners. Fünf davon – nämlich den Zyklus "Der Ring des Nibelungen" und den "Parsifal" – dirigiert Hans Knappertsbusch, der Siebzigjährige. Durch seine Mitwirkung in so ausgedehntem Maße verschiebt sich der Blickpunkt. An Stelle der szenischen Experimente, die von Knappertsbusch mißbilligt werden, interessiert stärker der klingende Teil des "Gesamtkunstwerks", die Musik Richard Wagners. Nach.manchen Versuchen, die man in Bayreuth mit unerfahrenen, ja wagnerfremden Dirigenten unternommen hat, darf in diesem Jahre festgestellt werden: mindestens in den von Knappertsbusch geleiteten Vorstellungen ist im Festspielhaus Richard Wagner authentisch zu hören.

Ein großartiges Beispiel bot die "Parsifal"-Aufführung. Das "Bühnenweihfestspiel" steht in jedem Jahr auf dem Bayreuther Spielplan und ist auch szenisch die geschlossenste Leistung Wieland Wagners. Im vorigen Jahr wurde es musikalisch unter anderm von André Cluytens interpretiert, der diesmal außer den "Meistersingern von Nürnberg" die Neuinszenierung des "Lohengrin" dirigierte. Man sollte es nicht für möglich halten, daß es dieselben Musiker waren, die unter Cluytens und dann unter Knappertsbusch spielten.

Vom ersten Ton an hatte der Klang bei Knappertsbusch eine andere Innenspannung. Die Streicher wurden zu gleichberechtigten Partnern der Blechinstrumente. Holzbläser spannen in den vollkommenen Klangteppich ihre Motivkantilenen. Wo es die Partitur verlangt, erhoben sich die Instrumente zu Solisten, die den Sängern antworteten, sie nicht nur begleiteten. Das Riesenorchester war in Knappertsbuschs Händen geschmeidig, beweglich wie ein Kammermusikensemble. Tempoprobleme traten gar nicht erst auf. Knappertsbusch, der keineswegs nur "breit" musiziert, sondern über manche Pausen geradezu hinwegdrängt, besitzt das Geheimnis des kongenialen Nachschöpfers: er "erfüllt" jedes von ihm angeschlagene Tempo.

In dieser "Parsifal"-Vorstellung wurde musikdramatisch musiziert. Nach all der "Weihe", die den "Parsifal" so leicht in Verruf, bringt, war von Knappertsbusch wieder das Leitmotiv als dramatisches Gesetz in den Mittelpunkt der Interpretation gestellt worden. Dabei ergaben sich große Augenblicke im Zusammenwirken mit den Sängern. Vier Hauptpartien waren allein im diesjährigen "Parsifal" neu besetzt worden. (Über die "Wachablösung" unter den Bayreuther Solisten wird nächste Woche noch einiges zu sagen sein.)

Aus dem "mystischen Abgrund" von Bayreuth, dem verdeckten Orchesterraum, ist noch ein zweiter Hoffnungsstrahl zu melden: Wolfgang Sawallisch als "Tristan"-Dirigent. Sein Debüt bereitete Wagnerkennern im vorigen Jahr eine Enttäuschung. Damals hatte Sawallisch eine Klangarchitektur aufgerichtet, technisch perfekt, aber kühl, kaum mehr als ein interessanter Formverlauf. Inzwischen ist dem jungen Dirigenten hörbar das Wagnerherz aufgegangen. Noch steht er zwar erst an der Pforte zu den letzten Geheimnissen der tönenden Hochromantik. Doch ist Sawallisch erst halb so alt wie Knappertsbusch. Ermutigend bleibt die Tatsache: ein junger Deutscher, hochbegabt, schlägt – unbekümmert um modische Ansichten seiner eigenen Generation von "Romantik" – entschlossen den Weg zu Richard Wagner ein. Johannes Jacobi