Jetzt scheint es wenigstens halbwegs sicher, daß die Konferenz, welche die Regierungschefs der vier Großmächte und Indiens zur Beratung der Nahostfragen versammeln sollte, wirklich stattfinden wird. Die Amerikaner haben dem ungeduldigen Drängen Chruschtschows und der Bereitschaft Macmillans eine Reserve entgegengesetzt, die deutlich ihre Unlust verrät, sich auf ein Treffen einzulassen, das in Amerika charakterisiert wurde als "die falsche Konferenz am falschen Ort, zur falschen Zeit und über den falschen Gegenstand" In überaus schroffen Wendungen und mit bitteren Worten hat der sowjetische Ministerpräsident und Parteichef sich gegen diese Verzögerungstaktik des transatlantischen Gegenspielers verwahrt Er steht damit nicht allein: auch London ist über das langwierige Hin und Her ebensowenig erbaut wie über das amerikanische Verlangen, Verhandlungen in den Rahmen des Sicherheitsrates mit seinen schwerfälligen öffentlichen Prozeduren hineinzupressen.

Die Differenzen, die im westlichen Lager bei der Erörterung dieses Problems zutage treten – und die Chruschtschow schon im Vorbereitungsstadium der umstrittenen Konferenz weidlich auszunutzen wußte – scheinen jenen Skeptikern recht zu geben, die von Anfang an befürchteten, Moskau habe sich für seine internationalen Manöver die denkbar besteAusgangsposition gesichert. Tatsächlich befinden sich die Angelsachsen in einer wenig beneidenswerten Lage. Wenn sie auf die Konferenz eingehen, laufen sie Gefahr, den Russen eine Propagandaplattform aufzubauen, wie sie sich der Kreml nicht besser wünschen könnte; versuchen sie aber, das Zusammen treffen der Regierungschefs zu hintertreiben oder mit einem Stacheldrahtverhau von Vorbehalten zu umgeben, so machen sie es den Sowjets erst recht leicht, sich als die einzig wahren Friedensfreunde und Friedenshüter aufzuspielen.

Nun wird man sich allerdings vor zwei naheliegenden Fehlschlüssen zu hüten haben. Es gibt eine über optimistische Gipfelperspektive, aber auch eine über pessimistische. Die Vorstellung, daß die Großen der Welt sich nur am runden Tisch zu versammeln brauchten, um alle internationalen Schwierigkeiten mehr oder minder spielend zu überwinden, widerspricht allen – Erfahrungen der letzten anderthalb Jahrzehnte. Eine – wie immer etikettierte – Gipfelkonferenz ist kein Generalrezept gegen weltpolitische Krankheitszustände. Ebensowenig allerdings besteht ein Grund dafür, angesichts der russischen Propagandaoffensive, die man bei einer solchen Konferenz mit Sicherheit erwarten kann, schon von vornherein weiche Knie Zu bekommen Wenn der Westen imstande ist, eine überzeugende, weitsichtige Politik zu entwickeln, dann besteht nicht der mindeste Anlaß, die Rhetorik Chruschtschows und die demagogischen Vorschläge der Sowjetdiplomatie zu fürchten Wenn ...

Ansätze zu einer solchen Politik sind in den letzten Tagen verschiedentlich Sichtbar geworden. So der Entschluß, das neue republikanische Regime im Irak anzuerkennen Wichtiger noch: den unablässigen Bemühungen des intelligenten und weitsichtigen Robert Murphy ist es offenbar gelungen, im Libanon einen Kompromiß zwischen den streitenden Parteien anzubahnen. Wird der Oberkommandierende der libanesischen Armee, General Schehab, von einer breiten Mehrheit des Parlaments zum neuen Präsidenten gewählt, so würde er damit in die Lage versetzt werden, die Ruhe in der "arabischen Schweiz" wiederherzustellen. Geht diese Rechnung auf, dann wäre es nicht einmal ausgeschlossen, daß sich die Amerikaner noch am Vorabend der Nahost-Konferenz entschließen, den Libanon wieder zu räumen. In einem solchen Fall kämen sie in die glückliche Lage, bei der Konferenz darauf hinweisen zu können, daß ihre vielgeschmähte Intervention genau das Ziel erreicht habe, das sie sich setzte: dem kleinen, im Innern zerrissenen und von außen mit begehrlichen Blicken betrachteten Land die Stabilität wiederzugeben, das heißt den Bürgerkrieg zu beenden und seine Unabhängigkeit zu sichern.

Die Anerkennung der revolutionären irakischen Regierung und die Beilegung des libanesischen Konflikts waren zweifellos Schritte in der richtigen Richtung. Anscheinend aber denken die Amerikaner schon über diese nächsten Züge hinaus. Aus Washington laufen immer mehr und immer konkretere Berichte darüber ein, daß die Vereinigten Staaten eine groß angelegte wirtschaftliche Hilfe für die arabischen Länder ins Auge fassen und endlich gemeinsam mit anderen industriell fortgeschrittenen Staaten darangehen wollen, durch einen "nahöstlichen Marshallplan" ein langfristiges Entwicklungsprogramm für dieses weltpolitische Krisengebiet in Angriff zu nehmen. Das entspricht den Ideen, die auch in Bonn erörtert und dem amerikanischen Staatssekretär bei seinem Besuch vorgetragen worden sind. Wenn es möglich wäre, ein solches Programm durch die Vereinten Nationen ausarbeiten und durchführen zu lassen, so könnte ein solches Projekt durchaus geeignet sein, auch auf die Phantasie der arabischen Massen und ihrer Führer zu wirken.

Freilich wird man sich auch hier vor einen Irrtum hüten müssen: eine großangelegte internationale Hilfsaktion nach dem Muster des Marshallplans kann zwar eine bedeutende Tat sein, aber sie ist kein Ersatz für eine Politik. Sie ist nur ein Mittel einer solchen Politik.

Man wird vor allem an eine solche Aufgabe im Ernst gar nicht herangehen können, solange es nicht gelingt, der zu beglückenden Region auch ein Minimum politischer Stabilität zu sichern Das aber kann überhaupt nicht geschehen, wenn man es nicht fertig bringt, das heiße Eisen des arabisch israelischen Konflikts anzufassen und endlich im Heiligen Land den Frieden oder doch allermindestens einen langfristigen Modus vivendi herbeizuführen. Weder aus moralischen noch aus politischen Gründen kann der Westen es sich leisten, mit dem arabischen Nationalismus auf Kosten Israels ein Arrangement zu – treffen. Wenn der Bestand des jüdischen Staates nicht gesichert werden kann, dann bleibt alle Mühe um die Wahrung und Stabilisierung des Friedens auf der afrikanisch-asiatischen Landbrücke letztlich verschwendet Dieses Problem aber ist eine der härtesten weltpolitischen Nüsse überhaupt, an der sich auch ein noch so wohlmeinender Mittler nur allzu leicht die Zähne ausbeißen kann.