Das Theater hat keine Grundfunktion – Seite 1

Von Ludwig Marcuse

Ich vermute, daß Siegfried Melchinger, Kritiker und Autor einiger Bücher über das Theater, der bekannteste deutsche Theaterreferent in Südkalifornien ist. Und das kam so: Ich erhalte regelmäßig sein Blatt in Beverly Hills, zeigte einem Freunde seine Berichte, der gab sie weiter an jemand, der sie weitergab... so entwickelte sich rund um Beverly Hills, Westwood, Santa Monica, Maliber bis nach Santa Barbara hin der Melchinger-Leserkreis. Das hat einen sehr plausiblen Grund: er informiert uns – am Rande der westlichen Welt – fachlich, plastisch, systematisch über das europäische Theater. Sein jüngstes Buch:

Siegfried Melchinger: "Drama zwischen Shaw und Brecht"; Carl Schünemann Verlag, Bremen; 288 S., 12,80 DM,

ist ein vielfältiges Nachschlagewerk – von einem Typus, der eines Tages hoffentlich die Erbschaft jener vagen Kunst-Literatur-Theater-Geschichten antreten wird, welche Fakten durch hundertmal soviel zugesetzte Phrasen verwässern.

Vor dieser instruktiven Ordnung wissenswerter Tatsachen steht ein konzentrierter Essay, der deutlich die Position markiert, von der aus Melchinger auf das Theater sieht. Es ist nun diese Präzision seiner Grundvorstellungen, die in meinem Exemplar am zu knappen Rande eine Flut von Hieroglyphen aufweist, welche bedeuten: "ausgezeichnet" – "wahrscheinlich" – "wirklich?" – "wohl ein Irrtum" – "nein!"

In Erz gegraben hätte ich gern Sätze wie: Die jüngste Theater-"Renaissance ist pluralistisch". Endlich wird nicht mehr der Vorwurf erhoben, daß wir historisierend seien, nur weil wir empfänglich wurden für den breiten Reichtum des Theatralischen, wie es sich entfaltet hat. Auf eine Tafel aus Erz gehören auch die Dicta: Das Theater "ist kein Kulturinstitut und "keine moralische Anstalt..." Nun aber hat der Dialog zu beginnen, der hier aus leicht einzusehenden technischen Gründen etwas einseitig ausfallen muß.

Ein nicht unwichtiges Notengeplänkel würde zum Thema haben: Welche Theaterstücke sind der Vergänglichkeit entzogen? Die kleine Ewigkeit, von der allein die Rede sein kann, dürfte eine Faktenfräge sein. Ein paar Jahrhunderte sind der beste Richter – weshalb ich mit Brecht und Lorca mindestens solange warten würde wie die katholische Kirche, bevor sie heiligspricht. Was aber Shakespeare anbelangt, so hat wohl weder der angreifende Melchinger, noch der angegriffene Kerr recht, der schrieb: "Wer die heutige Welt erfaßt, ist nicht größer als Shakespeare. Doch ist er weiter. O großer, doch vergangener William."

Das Theater hat keine Grundfunktion – Seite 2

Melchinger: "Wir lächeln über solche Sätze." Ich lächle über Melchingers Lächeln. Kerrs Differenzierung von "größer" und "weiter" ist ganz gewiß unscharf. Man sollte aber nicht mit Lächeln verdecken, daß auch die ewigsten Werke teils immer noch recht ewig, teils aber schon ganz schön zerfallen sind. Darf man Kerr variieren: O ewige, himmlische Ruine Shakespeare?

Zentraler wird unser Dialog erst, wenn wir zu Melchingers fundamentalen Begriffen kommen: "Illusion", "Alltag", "fiktiv". Da mir die Redaktion dieser Zeitung kaum die Möglichkeit geben wird, durch zehn Nummern ein herzhaftes Duell mit Melchinger auszufechten, kann ich nur einige Ausgangspunkte markieren:

Bürgerliche und verbürgerlichte "Illusion". Melchinger zeichnet den bürgerlichen Alltag auf der Bühne als "Illusion" aus – was er unter anderem auch ist. Die "Illusion" liegt in der Gleichung: bürgerlicher Ausschnitt der Wirklichkeit gleich Wirklichkeit. Aber nicht weniger Illusion ist der Barock-Alltag, wie wir ihn etwa in dem (jetzt viel gespielten) "Cenodoxus" sehen; zu diesem Alltag gehören Engel und Teufel wie zur bürgerlichen Dialektik Zen-Buddhismus und Sakko. Das Barock-Theater war ebenso "Illusion" wie später das bürgerliche – eine umfassendere Illusion, von heute gesehen. Melchinger ist so verstrickt in den gu:en Kampf gegen die Enge des bürgerlichen Theaters, daß er noch die (antiquierte) Mehr-Dimensionalität dagegen ausspielt.

Pluralist mit Rückfällen. Melchinger, so herrlich "pluralistisch" gesinnt, engt alle paar Seiten die vielen Funktionen des Theaters auf eine einzige ein. Er ist ein Polytheist, der nicht recht vom Monotheismus lassen kann. Da ist das Theater auf der einen Druckseite "eine Institution des Protestes gegen das Dasein, wie es ist" (nicht der Gesellschaft, wie sie ist; ein Beispiel wäre wohl Strindbeigs "Traumspiel"). Da ist (auf einer andern Druckseite) die "Grundfunktion des Theaters die Urterhaltung". So wechselt er dauernd mit der Bestimmung von Grundfunktionen. Noch einen Schritt weiter – und er verzichtete auf den "Grund" und erkennte die Anarchie der vielen Funktionen, die das Theater gehabt hat und haben kann.

Wurzel aller Kunst, das Besondere des Theaters, Melchingers Schwanken zwischen Weitherzigkeit und Tendenz zur Vereinheitlichung wird besonders sichtbar in seiner Anlehnung an Gehlens "Bedürfnis des Menschen nach Stabilität". Es ist eins unter vielen Bedürfnissen, welche die geistige Welt produziert haben. Spielen, Phantasieren, Ersatzbefriedigen... das Wurzelgeflecht, aus dem die Über-Realität gewachsen ist, wurde noch wenig erforscht.

Die Kommunikationslehre.

Melchinger: "Alle Kunst endet und gipfelt in der Kommunikation."

Das Theater hat keine Grundfunktion – Seite 3

Marcuse: "Alle Verkehrslichter enden und gipfeln in der Kommunikation."

Melchinger: "Der esoterischste Roman wird nicht geschrieben, um verbrannt zu werden."

Marcuse: "Der esoterischste Roman wäre nicht esoterisch, wenn die Kommunikation die Hauptsorge wäre."

Melchinger: "Nirgends ist der Augenblick der Kommunikation so gegenwärtig, so spontan wie im Theater."

Marcuse: "Der Augenblick der Kommunikation hängt vom Zuschauer, vom Zuhörer ab – nicht von der Kunstgattung."

Melchinger wäre der rechte Mann, ein Theatergespräch zu beginnen, das sich lohnte.

Der ewige Einwand aller Allzu-Armen-im-Geiste gegen alle Gespräche über Kultur, Theater ...: man soll lieber gut Theater spielen als gut über Theater reden. Leider ist die Einfalt gar nicht "heilig" mehr, sondern aufdringlich.