Melchinger: "Wir lächeln über solche Sätze." Ich lächle über Melchingers Lächeln. Kerrs Differenzierung von "größer" und "weiter" ist ganz gewiß unscharf. Man sollte aber nicht mit Lächeln verdecken, daß auch die ewigsten Werke teils immer noch recht ewig, teils aber schon ganz schön zerfallen sind. Darf man Kerr variieren: O ewige, himmlische Ruine Shakespeare?

Zentraler wird unser Dialog erst, wenn wir zu Melchingers fundamentalen Begriffen kommen: "Illusion", "Alltag", "fiktiv". Da mir die Redaktion dieser Zeitung kaum die Möglichkeit geben wird, durch zehn Nummern ein herzhaftes Duell mit Melchinger auszufechten, kann ich nur einige Ausgangspunkte markieren:

Bürgerliche und verbürgerlichte "Illusion". Melchinger zeichnet den bürgerlichen Alltag auf der Bühne als "Illusion" aus – was er unter anderem auch ist. Die "Illusion" liegt in der Gleichung: bürgerlicher Ausschnitt der Wirklichkeit gleich Wirklichkeit. Aber nicht weniger Illusion ist der Barock-Alltag, wie wir ihn etwa in dem (jetzt viel gespielten) "Cenodoxus" sehen; zu diesem Alltag gehören Engel und Teufel wie zur bürgerlichen Dialektik Zen-Buddhismus und Sakko. Das Barock-Theater war ebenso "Illusion" wie später das bürgerliche – eine umfassendere Illusion, von heute gesehen. Melchinger ist so verstrickt in den gu:en Kampf gegen die Enge des bürgerlichen Theaters, daß er noch die (antiquierte) Mehr-Dimensionalität dagegen ausspielt.

Pluralist mit Rückfällen. Melchinger, so herrlich "pluralistisch" gesinnt, engt alle paar Seiten die vielen Funktionen des Theaters auf eine einzige ein. Er ist ein Polytheist, der nicht recht vom Monotheismus lassen kann. Da ist das Theater auf der einen Druckseite "eine Institution des Protestes gegen das Dasein, wie es ist" (nicht der Gesellschaft, wie sie ist; ein Beispiel wäre wohl Strindbeigs "Traumspiel"). Da ist (auf einer andern Druckseite) die "Grundfunktion des Theaters die Urterhaltung". So wechselt er dauernd mit der Bestimmung von Grundfunktionen. Noch einen Schritt weiter – und er verzichtete auf den "Grund" und erkennte die Anarchie der vielen Funktionen, die das Theater gehabt hat und haben kann.

Wurzel aller Kunst, das Besondere des Theaters, Melchingers Schwanken zwischen Weitherzigkeit und Tendenz zur Vereinheitlichung wird besonders sichtbar in seiner Anlehnung an Gehlens "Bedürfnis des Menschen nach Stabilität". Es ist eins unter vielen Bedürfnissen, welche die geistige Welt produziert haben. Spielen, Phantasieren, Ersatzbefriedigen... das Wurzelgeflecht, aus dem die Über-Realität gewachsen ist, wurde noch wenig erforscht.

Die Kommunikationslehre.

Melchinger: "Alle Kunst endet und gipfelt in der Kommunikation."