RH-Hamburg

Die Freie und Hansestadt Hamburg und der Zentralverband des Deutschen Gemüse Obst- und Gartenbaues e. V. veranstalten im Jahre 1963 eine Internationale Gartenbauausstellung als eindrucksvolle Kundgebung deutscher und ausländischer Gartenkultur und eine umfassende Leistungsschau des gesamten Gartenbaues der beteiligten europäischen und überseeischen Länder."

Dieser Satz steht in der eben erschienenen amtlichen Druckschrift zum Internationalen Ideen-Wettbewerb für die Gartenbauausstellung. In den fünf Jahren, die Hamburg bis dahin noch Zeit hat, soll viel gebaut werden, aber auch vieles verschwinden – gebaut, was der Hamburger von heute vielleicht als "eindrucksvolle Kundgebung" empfinden wird, und entfernt so manches, was ehedem der Stolz der Bürger war.

Zwischen Stephansplatz und alter Lombardsbrücke zieht sich durch Hamburgs Innenstadt eine breite Allee mit vier Reihen schöner Linden. Das ist die Esplanade. Sie ist der typische Prospekt des achtzehnten Jahrhunderts. Die Hamburger bauten ihn allerdings erst 1830, waren dann aber sehr stolz darauf, endlich etwas zu besitzen, das der berühmten Berliner Staatsstraße Unter den Linden vergleichbar war und an die Pracht von Residenzen erinnerte. Nichts anderes hatten sie gewollt, zumal an der Ostseite der Esplanade. "Es soll der Eindruck eines großen Schlosses oder einer Palastreihe erweckt werden" hatte die Baubehörde damals gefordert...

Freilich: keiner, der die Esplanade entlanggeht, wird je auf den Gedanken kommen, ein großes Schloß oder eine Palastreihe vor sich zu sehen. Er sieht eine äußerst angenehme, harmonische Zeile klassizistischer Fassaden, er sieht, wenn er in die Höhe blickt, ein paar morsche Balken, die einmal einen Balkon zu tragen hatten. Und er findet in einem der Treppenhäuser neben der Mitteilung, daß es verboten ist, dort Fahrräder abzustellen, und daß der Hauswart "Reinigungspflichtiger" sei, eine Gedenktafel, die daran erinnert, daß Heinrich Heine in diesem Hause seine Schwester Charlotte Embden besucht hat.

Damals war es sehr fein, an der eleganten Esplanade zu wohnen – sehr gediegen, wie es in der Hansestadt heißt. Thomas Mann ließ darum auch Hans Castorps Großvater, im Zauberberg dort wohnen: "In einem zu Anfang des abgelaufenen Jahrhunderts auf schmalem Grundstück im Geschmack des Nordischen Klassizismus erbauten, in einer trüben Wetterfarbe gestrichenen Haus, mit Halbsäulen zu beiden Seiten der Eingangstür, in der Mitte des um fünf Stufen aufgetreppten Erdgeschosses, und zwei Obergeschossen außer der Beletage, wo die Fenster bis zu den Fußböden hinuntergezogen und mit gegossenen Eisengittern versehen waren."

So war die Hamburger Esplanade einst – und so ist sie noch heute. Noch: denn lange soll sie nicht mehr so bleiben. "Es ist beabsichtigt", steht in der amtlichen Gartenbaudruckschrift, "die Randbebauung an der Esplanade zu beseitigen und durch drei Hochhäuser zu ersetzen." Die grünen Anlagen hinter dem Rücken der Esplanadehäuser sollen später zwischen den Hochhäusern bis an die Straße reichen.