Konsolidierung täte nach einer Periode stürmischer Entwicklung not

Bundeskanzler Adenauer hat vor wenigen Tagen in Bonn mit dem türkischen Ministerpräsidenten Adnan Menderes konferiert. Thema der Besprechungen war eine deutsche Wirtschaftshilfe an die Türkei, zu der sich die Bundesrepublik inzwischen grundsätzlich bereit erklärt hat. Die Wirtschaftslage des NATO-Partners im Osten hat in letzter Zeit Anlaß zu einigen Bedenken gegeben. Über deren Hintergrund orientiert der folgende Artikel eines Sonderkorrespondenten in Ankara.

O. F. N. Ankara, Ende Juli

Dem türkischen Bauern ist es nie so gut gegangen wie heute. Er ißt jetzt Butterbrote statt anatolischer Schafsschwänze, süßt seinen Tee mit Zucker statt mit Marmelade und fährt seine Familie auf dem neuen Traktor in die Stadt. Er findet es neuerdings auch normal, sich jedes Jahr einen Anzug zu kaufen.

Aber laut dem Bericht eines internationalen Experten-Gremiums, das sich kürzlich in Ankara aufhielt, steckt die türkische Wirtschaft gegenwärtig in größeren Schwierigkeiten als diejenige aller andern Ländern – mit Ausnahme von Island. Die Handelsbilanz und die Verschuldung gegenüber dem Ausland lasten so schwer auf dem Land, daß sie die weitere Entwicklung hemmen – gleich Mühlsteinen, die am Genick der Planer hängen. In den kommenden Wochen steht die türkische Regierung vor weittragenden Entscheidungen, deren Inhalt vom Ergebnis der Konsultationen mit dem Internationalen Währungsfonds und der OEEC beeinflußt sein wird.

Ein reiches Land

Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes dürfen jedoch nicht über den großen natürlichen Reichtum der Türkei hinwegtäuschen. Sie verfügt über reiche Rohstoffvorkommen – Kohle, Eisen- und Chromerze –, und die Wahrscheinlichkeit, daß in absehbarer Zeit Öl gefunden wird, ist hoch. Die Türkei ist auch einer der wichtigsten Tabak- und Haselnußlieferanten. Die Aussichten auf eine moderne landwirtschaftliche Produktionsstruktur berechtigen zum Optimismus. Im Unterschied zu vielen andern Ländern ist die Türkei in ihrer Versorgung außerdem nicht unbedingt vom Ausland abhängig. Wenn das Land dennoch in Schwierigkeiten geraten ist, so vor allem, weil seine Regierung sich Hals über Kopf in ein atemberaubendes Entwicklungsprogramm gestürzt und dabei einige simple, aber fundamentale volkswirtschaftliche Zusammenhänge vernachlässigt hat – wie ein englischer Kritiker sagt: "Keynes wurde nicht in der Türkei geboren."