Von Ruth Herrmann

Weißt du, was mit kleinen Jungen geschieht, die beim Spiel mogeln?" fragte die Queen Victoria den Prinzen Edward. "Ja", antwortete er, "sie gewinnen."

Gregor von Rezzori: "Ein Hermelin in Tschernopol"; Rowohlt Verlag, Hamburg; 432 S., 16,80 DM.

Zuweilen gewinnen "die kleinen Jungen" freilich erst dann, wenn sie zu mogeln aufgehört halten. Eine gute Schule, schreibt Rezzori, lehre als das Allerwichtigste eine kleine Portion Zynismus. Zynisch zu sein, in den verschiedenen Farber zwischen dem Beinahe-Makabren und dem Schlicht-Dreist-Pfiffigen war bisher Absicht, Wirkung und Ruf dieses Autors – und das alles nicht in kleinen Portionen.

In seinen Maghrebinischen Geschichten betätigt er den östlichen Anekdoten-Zynismus, eine sichere Leser-Mähmaschine, die schon Roda Roda nicht schlecht rattern ließ. Er wendet seine große Begabung in kleiner Münze, in Talenten, an und hat damit selbstverständlich Erfolg, er gewinnt – obvohl (oder, wie es die Queen-Anekdote will, weil) er im Sinne des play the game, das fürs Schreiben gilt, mogelt.

Dann nimmt er eine stärkere und eigene Dosis Zynismus, schreibt "Ödipussiegt bei Stalingrad" und gewinnt den Ruf, gescheit, gebildet, gerssen, unverschämt, ein eleganter Causeur, ein angenehm versnobter Weltmann zu sein. Diejengen, die das Buch herausfordert – und es fordert nicht den kleinsten, nicht den erfreulichsten Teil der Deutschen heraus – ärgerte es ungemein. Der Autor hat Erfolg, er gewinnt.

Soll hier behauptet werden, er habe beide Male gemogelt? Ja, wenn es erlaubt ist, einem Spieler, der beim Spielen "Nebendinge" im Kopf hat, zu unterstellen, daß er nicht richtig spiele. Dein der Autor war nicht "bei der Sache". Die Sache eines Schriftstellers ist das Schreiben selbst, das Wort, die Sprache, nicht der beabsichtigte Effekt, nicht die Herausforderung. Das sind nur bunte Mützen auf des Reiters Kopf. Sie lenken ihn vom guten Reiten ab – er muß zu sehr aufpassen, daß er sie nicht verliert.