R. S., Bonn, Ende Juli

Der Besuch des amerikanischen Außenministers in Bonn bestätigte zweierlei: erstens, daß es angesichts der engen, für uns lebenswichtigen Interessengemeinschaft zwischen den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik ein Abweichen der Bonner Politik von der gemeinsamen Linie in wichtigen Fragen gar nicht geben kann; zweitens, daß das Mißtrauen auch im befreundeten Ausland gegen uns noch immer groß ist, sonst hätte nicht die Besorgnis in Washington entstehen können, die Bundesrepublik wolle wegen bestimmter wirtschaftlichen Interessen im Nahen Osten dort ihren eigenen Weg gehen. Der Kanzler hat dieses Mißverständnis überzeugend ausgeräumt.

Der Argwohn scheint durch die recht fragwürdige Information genährt worden zu sein, daß sich verschiedene Interessenten, unter ihnen auch Deutsche, zu einer Beteiligung an der arabischen Ölförderung unter Bedingungen bereit erklärt hätten, die für die arabischen Nutznießer günstiger wären als jene, die ihnen die angeslächsischen Firmen gewähren. Durch die Kontrolle der überaus ergiebigen arabischen Ölvorkommen können diese Firmen auch den Preis des amerikanischen Öls beeinflussen. Der Aufrechterhaltung dieser Preiskontrolle gilt ihre Sorge. Denn die Lieferung arabischen Öls nach Europa ist ja wohl nicht gefährdet, weil die Araber auf den Verkauf an zahlungskräftige Kunden angewiesen sind, während sich Westeuropa angesichts der Ölschwemme auf dem Weltmarkt durch Käufe in Texas und Venezuela mit Öl in jeder gewünschten Menge eindecken könnte.

Der Bundeskanzler hat sich in dem Gespräch mit dem amerikanischen Außenminister, in dem dieser die Gründe für die Intervention im Libanon und in Jordanien darlegte, dafür eingesetzt, daß nun eine zielbewußte, auf weite Sicht angelegte Politik des Westens gegenüber der arabischen Welt eingeleitet werde. Die Verständigung über eine rasche Anerkennung des durch die Revolution geschaffenen Regimes im Irak könnte der erste Schritt zu einer solchen neuen Konzeption gegenüber den arabischen Ländern sein. Es gelang aber dem Kanzler offensichtlich nicht, seinen Gesprächspartner für eine positivere Politik gegenüber Nasser und den von ihm repräsentierten Kräften zu gewinnen.

Foster Dulles glaubt, daß Nassers Bewegungsfreiheit gegenüber Moskau doch nur gering sei und daß er sie eines Tages, selbst wenn er es dann nicht wollte, völlig verlieren könnte. Der Bundeskanzler hingegen ist der Meinung, der Westen sollte einer solchen, für ihn gefährlichen Entwicklung durch politische und wirtschaftliche Zugeständnisse entgegenwirken. Dulles geht offenbar von der Annahme aus, daß die ölbesitzenden, also reicheren arabischen Länder an einer Teilung dieses Natursegens mit den armen Schwesterstaaten nicht sonderlich interessiert sein können.

Mancherwärts wird befürchtet, das irakische Beispiel könnte Schule machen. Der türkische Ministerpräsident Menderes, der zweite prominente politische Gast am letzten Wochenende in Bonn, soll sich mit Besorgnis über die Stabilität der politischen Verhältnisse im Iran ausgesprochen haben. Schon durch die Veränderung der politischen Situation in Syrien und im Irak ist die türkische Südflanke einem Druck ausgesetzt, der eines Tages gefährlich werden könnte. Möglich aber auch, daß die Geheimdienste, die von den Vorgängen im Itak überrascht wurden, jetzt vorsorglich Gespenster an die persische Wand malen.

Der französische Außenminister Couve de Marville, der dritte prominente Gast in Bonn innerhalb von vier Tagen, kam nicht mit festen Plänen, sondern zu einem beiderseitigen Informationsgespräch an den Rhein. Einen konkreten Vorschlag machte er nur hinsichtlich des Verfahrens bei einer Gipfelkonferenz. Er begründete den Vorschlag de Gaulles eine solche Konferenz im engeren Kreise der fünf Großmächte einschließlich Indiens in Genf abzuhalten, damit, daß das New Yorker Milieu und das große Forum der Vereinten Nationen – zumal bei einer Beteiligung arabischer Länder – sehr viel leichter zu propagandistischen Effekten ausgenutzt werden könnte als das stille Genf und eine Konferenz im kleineren Kreise. Man ist im Auswärtigen Amt offenbar recht erleichtert darüber, daß man in dieser Frage keine Entscheidung zu treffen braucht, weil ja die Bundesrepublik nicht zum Teilnehmerkreis einer Gipfelkonferenz gehört, denn die Argumente de Gaulles schienen nicht weniger einleuchtend als tags zuvor der Entschluß von Dulles, einer Gipfelkonferenz nur im Rahmen des Sicherheitsrats zuzustimmen.

Couve de Murville skizzierte in vagen Umrissen die Vorstellungen seiner Regierung von einer langfristigen politischen Konzeption gegenüber dem Nahen Osten. Sie müsse wirklichkeitsnaher werden und die Tatsache des panarabischen Nationalismus berücksichtigen. Über solche Andeutungen ging er aber nicht hinaus. Es wurde nicht erkennbar, ob Frankreich eine ost-westliche Garantie für die bestehenden arabischen Ländergrenzen wünscht oder ob es sich mit einer Garantie gegen gewaltsame Einmischungsversuche von außen in die inneren Angelegenheiten dieser Länder begnügen würde. Einig waren sich beide Gesprächspartner über die Notwendigkeit einer großzügigen westlichen Wirtschaftshilfe für die arabischen Länder. Die Meinungsverschiedenheiten dürften freilich sichtbar werden, sobald die Höhe der einzelnen Beteiligungen ausgehandelt werden müssen.