K, München

Zwei Männer, die sich noch nie in ihrem Leben gesehen haben, die aber nun seit Wochen von der Öffentlichkeit in einem Atemzuge genannt werden, warten zur Zeit auf schwerwiegende Entscheidungen.

In einem Gefängnis in Kairo harrt der ehemalige Arzt im Konzentrationslager Buchenwald, Dr. Hans Eisele, der im Prozeß gegen den KZ-Schinder Sommer des vielfachen Mordes an Häftlingen beschuldigt wurde und daraufhin nach Süden flüchtete, eines ägyptischen Beschlusses über den bevorstehenden Auslieferungsantrag der Bundesregierung. In München aber wünscht sich derweil der vom Dienst suspendierte Staatsanwalt Max von Decker das Ende des Ermittlungsverfahrens und des Dienststrafverfahrens herbei, die mit der Begründung gegen ihn eingeleitet worden waren, er habe die schon 1954 aktenkundig gewordenen Beschuldigungen gegen Eisele nicht weiter verfolgt.

Während sich für Eisele noch keine Stimme der Verteidigung erhob, nahmen die bayerischen Richter und Staatsanwälte Herrn von Decker gegen den bayerischen Justizminister Willi Ankermüller (CSU) in Schutz. Er hatte nämlich im ersten Eifer freimütig von einem Versagen des seiner Dienstaufsicht unterstehenden Staatsanwalts gesprochen. Der Bezirksverband München des Bayerischen Richtervereins grollte in einer einstimmig gefaßten Entschließung, der Minister habe einen der wesentlichsten Grundsätze der Rechtsprechung verletzt, als er Decker vor der Suspendierung nicht anhörte, wie es in Artikel 18 des Bayerischen Beamtengesetzes vorgeschrieben ist. Ferner kreiden die Justizbeamten dem Minister an, daß er der Öffentlichkeit aus den (ihrem Wesen nach geheimen) Personalakten mitgeteilt hatte, Decker sei 1931 in die NSDAP eingetreten.

Dagegen lobte freilich der Landesrat für Freiheit und Recht‚ die nichtkommunistische Organisation der Verfolgten des Naziregimes, das "mutige Vorgehen" des Ministers. Und Landesvorsitzender Lütke fügte hinzu, auch das Münchener Polizeipräsidium könne nicht von jeder Schuld am Gelingen der Flucht Eiseies freigesprochen werden: "Auch dort stinkt es."

Tatsächlich waren nach dem Verschwinden des KZ-Arztes gegen den Präsidenten der Münchener Polizei, Anton Heigl, und drei seiner leitenden Beamten Ermittlungen eingeleitet worden. Die Untersuchungskommission hat aber die Polizisten samt Chef bereits "freigesprochen", wiewohl ein Stadtrat kurz zuvor noch den Polizeipräsidenten aufgefordert hatte, sein Amt niederzulegen.

Unterdessen macht der Starverteidiger Rechtsanwalt Alfred Seidl seinem Mandanten von Decker Hoffnung auf baldige Rückkehr in den Dienst. Seidl will beweisen, daß der Staatsanwalt durch Krankheit daran gehindert war, den Fall Eisele aufzugreifen, und nach seiner Genesung dann keine Gelegenheit mehr dazu hatte, weil ihm ein anderer Dienstbereich zugewiesen wurde.

Alles in allem: Es sieht sehr nach dem berühmten Hornberger Schießen aus.