Von Thilo Koch

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde." Dieser erste Satz der Bibel, dieser große Auftakt im ersten Kapitel des ersten Buches Moses, ist dem Christen eine ehrwürdige Wahrheit. "Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe, und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser ..." Niemand, der unter der Sprachmacht Luthers aufgewachsen ist, kann das ohne Bewegung vernehmen. Auch das Weltkind Goethe fühlte sich immer von "ehrfürchtiger Scheu" ergriffen, wenn ihm die urkräftige Poesie des Alten Testaments begegnete.

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"Der Pfarrer von Marnitz ist dagegen, daß auch Ihr Kind, Frau Huschenhöfer, seine Kenntnisse erweitert und mehr Bildung erhält; daß auch Ihre Tochter erkennt, daß nicht Gott die Welt schuf, sondern daß dazu eine lange Zeit ohne Mitwirkung eines göttlichen Wesens nötig war."

Marnitz ist ein kleiner Flecken im Mecklenburgischen, zwischen Pritzwalk und Parchim, eine Autostunde hinter der Zonengrenze. In Marnitz gibt es eine Mittelschule und einen Ausschuß für Jugendweihe. Die Direktoren der Schule, Herr Walter Awe und Herr Kurt Fischer, veröffentlichten gemeinsam mit Frau Eva Bünger, der Vorsitzenden des Ausschusses für Jugendweihe, einen "Brief an Frau Huschenhöfer und andere Mütter in Marnitz und Umgebung".

"Denken wir nur an Galileo Galilei", heißt es in diesem Brief. "Er wurde im 17. Jahrhundert von der Kirche in den Kerker geworfen, weil er sich schon damals offen dazu bekannte, daß die Erde im Weltenraum kreist und nicht etwa ihr unbeweglicher Mittelpunkt sei, wie es die Kirche behauptete. Die Kirche verfolgte ihn und seine Anhänger – doch vergebens. Heute sind diese Lehren wissenschaftlich anerkannt und werden in allen unseren Schulen verbreitet."

Das sind die Argumente der Pädagogen von Marnitz gegen den Konfirmandenunterricht und für die "Jugendstunden" zur Vorbereitung auf die "Jugendweihe". Frau Huschenhöfer "und andere Mütter" werden gewarnt vor einem "Mann, der heißt Schmidt und ist Pfarrer in Marnitz": "Seine Rede war Haß auf die Jugendweihe, sie war Erpressung gegen Sie (die Mütter), sie war Geschäftemacherei mit menschlichen Gefühlen, sie war eines Seelsorgers unwürdig!"