In der Universität in Jena richtete der Sekretär des ZK der SED, Hager, an die dort versammelten Wissenschaftler die Frage, ob nicht der jahrtausendealte Eid des Hippokrates, der die Grundlage des ärztlichen Ethos bildet, einer Ergänzung bedürfe. Begründung: Er sei doch "nur auf das Wohl des einzelnen Menschen gerichtet". Ob man daraus schließen muß, daß in Zukunft auch die Medizin – wie bisher schon die Rechtsprechung – einem bestimmten gesellschaftlichen Ziel dienen soll? Hilde Benjamin predigt den Richtern ja seit langem, nicht tote Paragraphen zu handhaben, sondern das lebendige Ziel einer klassenlosen Gesellschaft vor Augen zu haben, wenn sie Recht sprechen.

Wenn die Ärzte der DDR in Zukunft nicht mehr die Gesundheit des einzelnen als Ziel vor Augen haben dürfen, sondern eine SED-Einheitsgesellschaft anvisieren müssen, dann wird es für die selbständig denkenden Kranken wenig Chancen zur Gesundung mehr geben. Kein Wunder, daß dieser Tage die Zahl der aus der DDR Geflüchteten die Dreimillionen-Grenze überschritt. Dff.