S. L., Berlin, Ende Juli

Die Bedeutung der Verhandlungen, die kürzlich zwischen Vertretern der Evangelischen Kirche und der Pankower Regierung geführt wurden, ist nur zu verstehen vor dem Hintergrund der Kampfsituation, in der sich Kirche und Staat in der Sowjetzone monatelang befunden haben. Daß sich christlicher Glaube und totalitärer Staat, in der Terminologie der Kommunisten, in einem "antagonistischen Widerspruch" befinden, daran ändert freilich auch der ausgehandelte Kompromiß nichts. Die Kirche sieht in ihm einen jener Wege, auf den die letzte Generalsynode ihre Hoffnungen setzte: "Menschen, die aus ihrem christlichen Glauben heraus den Atheismus ablehnen müssen, die Möglichkeit zu geben, ihre Kinder mit unverletztem Gewissen als Bürger der Deutschen Demokratischen Republik heranwachsen zu lassen."

Monatelang hatte die Regierung alle Verhandlungen mit Vertretern der obersten Kirchengremien verweigert. Daß jetzt überhaupt verhandelt und nicht diktiert wurde, wertet Bischof Dibelius schon als einen Erfolg. Zu wiederholten Besprechungen trafen sich Grotewohl, sein Innenminister Maron, der Staatssekretär für Kirchenfragen, Eggerath, mit fünf Kirchenmännern, die sämtlich "Bürger der DDR" sind. Es waren die drei Delegierten der Synode, Generalsuperintendent Fritz Führ (Ostberlin), Probst Johannes Hoffmann (Nordhausen), Maschinenschlosser Gerhard Burkhardt (Ostberlin), und zwei Beauftragte des Rates und der Kirchenkonferenz der Evangelischen Kirche, die Bischöfe Mitzenheim (Eisenach) und Krummacher (Greifswald). Das Kommuniqué der Verhandlungen wurde von Grotewohls Presseamt herausgegeben.

Der Wortlaut des Kommuniqués ist ein Beweis für die Mühsal, mit der die Kirche in einem totalitären Staat ihren Boden behaupten muß. Die Vorteile, die da für sie verzeichnet stehen, sind buchstäblich genommen so minutiös, daß mancherorts von einer Kapitulation der Kirche gesprochen wird. In Kreisen der Kirche selbst indessen zeigt man sich zufrieden und billigt den Zugeständnissen diplomatische Klugheit zu.

Die Entwicklung zum Sozialismus wird nach dem Wortlaut des Kommuniqués von der Kirche "respektiert", das heißt nicht, daß er sanktioniert werde. Auch die "Übereinstimmung" mit den Friedensbestrebungen (nicht der Friedenspolitik!) des Staates ist nur "grundsätzlich" und stellt die Kirche "mit den ihr gegebenen Mitteln", das heißt: nicht als politischen Kanzel-Agitator, in den Dienst des Friedens zwischen den Völkern. "Ihrem Glauben entsprechend erfüllen die Christen ihre staatsbürgerlichen Pflichten auf der Grundlage der Gesetzlichkeit": auch hier liegt die Grenze der Staatstreue da, wo der Einklang mit Gottes Wort nicht mehr gewährleistet ist.

Die Zurücknahme des Vorwurfes des Verfassungsbruchs – nicht der Verfassungsverletzung! – ist als Junktim mit der Erklärung der Regierung zu verstehen, die den Verfassungsartilel 41 wiederholt, der jedem Bürger der DDR Glaubens- und Gewissensfreiheit sichert; die ungestörte Religionsausübung, heißt es abermals, steht unter dem Schutz der Republik". Diese Wiederholung der Verfassungsgarantie will die Kirche nicht als bloßes Zitat, sondern als ausdrückliche Neuproklamation verstanden wissen. Sie soll, nach Dibelius’ Analyse, dem christlichen Bürger fortan als Schutz und Verteidigung dieren, wenn er sich durch Zwang oder Druck in seiner Christenpflicht bedroht fühlt.

Dem Militärseelsorgevertrag, Hauptargument für die angebliche "NATO-Hörigkeit" der Kirche, erkannten die Kirchenvertreter (wie schon die Kirchenkonferenz vor ihnen) die Gültigkeit für den Bereich der DDR ab. Damit ist den SED-Funktionären eine wichtige Angriffswaffe gegen die Kirche und ihre Führung genommen. Es bleibt abzuwarten, ob damit auch die persönlichen Angriffe auf Bischof Dibelius abflauen werden.

Für den wichtigen Punkt: Erziehung, sagte die Regierung eine Überprüfung der Beschwerden zu, die die Kirche gegen die brutale Härte vorbrachte, mit der Volksbildungsminister Langes Anordnung über Schulaufsicht und -kontrolle vom Februar dieses Jahres durchgeführt wird. Lokale Schulbehörden nutzen den Paragraphen, der "alle außerschulischen Veranstaltungen nach Form und Inhalt zu prüfen sowie die Tätigkeit der damit betrauten Personen zu kontrollieren" befiehlt, zu einer rüden Kontrolle der Katecheten und ihres Unterrichtes aus. Die Regierung hat hier "Überprüfung" zugesagt; die Erfüllung dieses Versprechens wird der eigentliche Test dafür sein, ob die Regierungsverhandlungen der notleidenden Kirche wirklich Erleichterungen bringen.