Mancher schon ist erschrocken, auf den ersten Blick die britische Muster- und Mutter-Demokratie ganz undemokratisch gefunden zu haben. Er hatte (richtig) die Teilung der Gewalten für das schließlich entscheidende Charakteristikum eines demokratischen Staates gehalten und (fälschlich) eine solche Teil-Gewalt im Oberbaus gesucht.

Veraltete Geschichtsbücher und gutgemeinte, aber irreführende Demokratie-Erklärungs-Prospekte sind die Quellen solcher Enttäuschungen, denen die letzten Nachrichten aus England nicht neue Nahrung geben sollten. Seit Anfang dieses Jahrhunderts werden im Oberhaus zwar vorzügliche und wohlinformierte Reden gehalten, die auf dem Umweg über die öffentliche Meinung sogar manchmal einen schwer nachzuweisenden Einfluß haben mögen – aber die britische Regierung findet, seit Jahrzehnten schon, ohne das Haus der Lords statt.

Daran wird sich überhaupt nichts ändern, wenn jetzt, nach der Parlaments-Eröffnung im November, vierzehn "Lords auf Lebenszeit" und, zum ersten Male in der britischen Geschichte, auch vier Ladies in den hochadeligen Flügel des Palastes von Westminster einziehen. Wie in so vielen englischen Klubs, haben die Damen schließlich auch im Oberhaus Zugang gefunden. Das ist gut so – aber das ist auch alles

Wer sich die Ernennungen ansieht, wird das Gefühl nicht los, sie könnten einen charakteristischen Zug der traditionellen englischen "Ehren-Listen" trotz allen Versicherungen des Gegenteils nicht leugnen: daß die Parteien höchst geachtete, aber nicht immer ebenso nützliche Kandidaten darauf gesetzt haben, um sie die Treppe hinauf- und damit auf die allerfreundlichste Weise aus der aktiven Politik hinauszukomplimentieren.

Was die demokratische Regierung Englands anlangt, so ist sie übrigens völlig intakt: die Gewalten sind und bleiben geteilt, freilich so, wie es nicht in den Handbüchern steht: zwischen dem Kabinett als der exekutiven Legislative‚ den unabhängigen Richtern als der interpretativen Exekutive und – der freien Presse als der korrektiven Informative. Diese Dreiteilung ist unorthodox, die Bezeichnungen sind frei erfunden, das Ganze ist für ein Examen völlig unbrauchbar – aber es entspricht dafür (wenn wir von der "Herrschaft der Verbände" einmal abgesehen) so etwa den Tatsachen, was man von der schönen Schulbuch-Dreiteilung "Monarch – Oberhaus – Unterhaus" eben nun wirklich nicht sagen kann.

Leo