Von Michael Davie

London, Ende Juli

In London raunen sich die politischen Witzbolde zu, die inzwischen berühmt gewordene Nachtsitzung des Kabinetts, in der die Truppenentsendung nach Jordanien beschlossen wurde, habe vielleicht nicht nur wegen der Orientkrise so endlos lange gedauert, sondern möglicherweise auch deswegen, weil sich die Minister über ein ganz anderes Problem den Kopf zerbrochen hätten: nämlich über den Termin für die Unterhauswahlen.

Diskussion um Parlamentsauflösung und Neuwahlen – das mag viele überraschen, die glauben, das Kabinett Macmillan könne jetzt doch wahrhaftig nur einen Gedanken im Kopf haben: so rasch und so schmerzlos wie möglich wieder den Rückzug der britischen Truppen aus ihrer exponierten Stellung in Jordanien zu bewerkstelligen. Eine Reihe von erfahrenen Beobachtern in London vertritt aber die Ansicht, daß Macmillan vorzeitige Neuwahlen ansetzen würde, wenn es ihm gelingen sollte, auf der Gipfelkonferenz einen außenpolitischen Erfolg einzuheimsen.

Nach der Verfassung müssen die Wahlen vor dem Herbst nächsten Jahres stattfinden. Die Bestimmung des genauen Termins steht indessen ganz im Ermessen des Ministerpräsidenten. Nun hat die jüngste Meinungsumfrage ergeben, daß die Konservativen im Rennen um die Gunst des Publikums zum erstenmal seit Suez wieder Kopf an Kopf mit Labour liegen. Das aber bedeutet nach allen bisherigen Erfahrungen: fände die Wahl morgen statt, so würden die Konservativen sie gewinnen – und der nächste Premier hieße mit Sicherheit wieder Macmillan.

Es spricht vieles für diese These. Die Engländer haben die wirtschaftliche recession kaum zu spüren bekommen; letzten Monat ist die Arbeitslosenzahl im Gegenteil (auf etwa 2 v. H.) zurückgegangen. Die jüngsten Streiks, in denen sich der Generalsekretär der Transportarbeitergewerkschaft, Frank Cousins als besonderer Scharfmacher hervortat, haben im übrigen den Glauben des schwankend gewordenen Mittelstands an die Konservativen wieder gefestigt: nur eine konservative Regierung, so heißt es in dieser Wählerschicht jetzt, vermöge mit Cousins und mit den Gewerkschaften überhaupt fertig zu werden.

Zudem kann nicht bezweifelt werden, daß das Jordanien-Unternehmen ungeachtet der Bedenken, die es in den Leitartikelspalten der liberalen und linken Presse – und auch bei den Mittelostexperten des Foreign Office – ausgelöst hat, im allgemeinen von der Öffentlichkeit zustimmend aufgenommen wurde. Für jeden, der seine Stimme gegen die Landung erhob, standen zwei auf, die sich dafür aussprachen. Und wenngleich es diesmal – anders als zur Zeit der Suezkrise – keine wilden Ausbrüche imperialistischer Erregung gab, hielten es doch offensichtlich viele Engländer für ganz in der Ordnung, daß der britische Löwe wieder einmal einen kräftigen Schlag mit dem Schwanz tat.