Wer die Wertpapiermärkte kennt, weiß, daßsie häufig zur Übertreibung neigen. Übertreibungen am Rentenmarkt treten vor allem auf, wenn bei einer Aufwärtsbewegung die Anleger nicht mehr wegen der attraktiven Konditionen Anleihen und Pfandbriefe kaufen, sondern, auf weitere Kursgewinne hoffend, auch an und für sich nicht ansprechende Emissionsbedingungen bewilligen. Da sich am Rentenmarkt die Kurse laufend zu ändern pflegen und auch die Emissionskurse häufiger wechseln, sind Veränderungen der Nominalzinssätze bei Neuausgaben immer ein Meilenstein in der Entwicklung, bei dem sich eine Rückschau lohnt.

Dem Außenstehenden mag eine Zinssenkung bei Neuemissionen um 1/2 v. H. nicht besonders aufregend erscheinen. Der wahre Umfang solcher Aktionen wird erst deutlich, wenn man sich vergegenwärtigt, daß die seit 12 Monaten erfolgte Senkung des Marktzinsfußes von 8 auf nunmehr 6 v. H., eine Verringerung der Kapitalkosten um 25 v. H. mit sich brachte. Eine derartige Verbilligung ermöglicht die Durchführung zahlreicher bisher wegen der hohen Kapitalkosten zurückgestellter Investitionsvorhaben.

Der in den letzten Julitagen vom Kapitalmarktausschuß (dem sogenannten Elferrat) empfohlene Übergang zum 6prozentigen Anleihetyp bei Neuemissionen erfolgte bereits erstaunlich kurze Zeit nach der letzten Zinssatzänderung von 7 auf 6 1/2 v. H. Ein Vergleich der Lebensdauer bestimmter Marktkonditionen seit dem Erscheinen der ersten 8prozentigen Anleihe im Jahre 1956 (der "Bosch-Anleihe") ergibt folgendes Bild: Der 8prozentige Anleihetyp wurde etwa 13 Monate lang als marktgerecht angesehen. Es erschienen Anleihen und Obligationen im Nominalwerte von etwa 1,6 Mrd. DM. Dem nachfolgenden 7 1/2prozentigen Anleihetyp war ein halbes Jahr Lebenszeit beschieden; das Emissionsvolumen bezifferte sich auf DM 1,3 Mrd. Mit einem Zinssatz von sieben v. H. erschienen zwar nur während vier Monaten neue Anleihen, jedoch wurden diese Konditionen mit Emissionen im Betrag von 1,6 Mrd. DM einer weitreichenden Prüfung unterzogen. Der Ende Juni dieses Jahres zum erstenmal aufgelegte 6 1/2-v.-H.-Typ beherrschte nur drei Wochen den Markt. Es erschienen sieben Anleihen im Gesamtbetrag von etwa 370 Mill. DM. Mithin kann festgestellt werden, daß die 6 1/2-v.-H.-Anleihe weitaus weniger erprobt worden ist als ihre Vorgänger.

Wenn der Kapitalmarktausschuß trotzdem den Übergang zu 6 v. H. empfahl, so dürfte dies vor allen Dingen mangels Anträgen auf weitere 6 1/2 v. H. Emissionen geschehen sein. Ein weiterer Anlaß dürfte gewesen sein, daß die von den Hypothekenbanken seit Jahren für die Zwecke des steuerbegünstigten Sparens laufend bereitgehaltenen 6prozentigen Pfandbriefe in den letzten Wochen und Monaten eine nahezu einmalige Hausse mit Kurssteigerungen von 92 bis auf 99 v. H. erlebten. Allerdings diktiert am Pfandbriefmarkt die Zurückhaltung der Hypothekennehmer, die auf noch billigere Konditionen hoffen, das Marktgeschehen, so daß unklar ist, wie weit das geringe Angebot an Pfandbriefen der offensichtlich guten Bautätigkeit dieses Jahres tatsächlich entspricht.

Für ein weiteres Anhalten der Zinssenkungen spricht, daß vor zweieinhalb Wochen die Zinssätze der Banken für Sparkonten und längerfristige Einlagen erheblich gesenkt worden sind. Ferner dürfte der Kapitalbedarf der Industrie bei der langsamer gewordenen Wachstumsrate der Produktion sich dem Kapitalaufkommen angepaßt haben. Das Argument einer Angleichung an die im Ausland üblichen Marktzinssätze entfällt alleidings in Zukunft. In Großbritannien wird heute für langfristiges Kapital ebenfalls ein Zinssatz von 6 v. H. geboten, und ein Vergleich des westdeutschen Kapitalmarktes mit dem der USA und der Schweiz erscheint verfrüht.

Um den in den letzten 12 Monaten erreichten Erfolg bei der Zinssenkung nicht zu gefährden, erscheint es daher angebracht, bei der Festsetzung der Emissionskurse mit den neuen 6prozentigen Anleihen sehr vorsichtig zu verfahren. Besondere Vorsicht ist vor allem geboten, weil die im Bundeshaushalt eingesetzten Anleihen von 1,6 Mrd. DM noch immer ausstehen. W. M.