Wie wir uns selbst kopieren – Umwälzungen durch Automation – 20 Elektronengehirne in der Bundesrepublik

Von L. Nitschmann

Automation – ein schreckenerregender Begriff für viele und ein schrecklicher Begriff, weil er so leicht mißverstanden und so schwer definiert werden kann. 200 Jahre alt ist das Bestreben, die menschliche Hand durch die Maschine zu ersetzen; die revolutionierende Umwälzung unserer Epoche ist es, daß Maschinen erfunden wurden, die dem Menschen auch einen Teil der Denktätigkeit abnehmen, die sogenannte mechanische Tätigkeit des menschlichen Geistes, etwa das Rechnen. Tiefer als bisher ist damit die Technik in unser soziales und geistiges Leben eingedrungen. Die Automation ängstigt daher noch viele Menschen, wenngleich in der Bundesrepublik ihre Probleme, ihre nützlichen wie schädlichen Folgen über dem Glanz des Wirtschaftswunders von vielen noch nicht recht erkannt wurden. Unser naturwissenschaftlicher Mitarbeiter hat es unternommen, in diesem und einem folgenden Artikel Herkunft und Begriff der Automation zu erläutern, über den gegenwärtigen Stand an Beispielen zu berichten und die nachteiligen wie guten Möglichkeiten der Automation in der Zukunft aufzuzeigen, einer Zukunft, die schon begonnen hat und ohne Automation nicht mehr denkbar ist.

Eine große amerikanische Rundfunkgesellschaft hatte ihren Hörern die Frage vorgelegt: Was empfinden Sie bei dem Wort Automation? Von hundert Befragten antworteten, neunzig kurz und spontan: Angst!

Bei einer anderen Meinungsumfrage in Detroit zeigte sich, daß neben der Furcht vor einem atomaren Krieg mit der Sowjetunion gleich die Furcht vor den Folgen der Automation steht.

Es gibt kaum bezeichnendere Dokumente für die Verwirrung und den Wust von falschen Vorstellungen und Erwartungen als diese. Beide Antworten zeigen deutlich, wie wenig die meisten Menschen mit den Erscheinungen ihrer Zeit fertig geworden sind. Ihre Reaktionen sind symptomatisch für das Bewußtsein unserer Epoche. Man kann sie auch an der Literatur ablesen. In den meisten Lexika – auch solchen, die nach 1950 erschienen sind – sucht man vergeblich nach dem Wort Automation. Es ist einfach zu neu. Dabei hat die technologische Evolution in den Fabriken und Büros aller Industriestaaten der Welt längst begonnen. Die Unternehmer machen sich dazu ebenso ihre Gedanken wie die Gewerkschaften. Die Soziologen und Psychologen untersuchen eifrig, welche Auswirkungen diese neue Produktions- und Verwaltungsweise auf den Menschen und auf die Gesellschaft haben wird. Auch die nationalen und internationalen Organisationen sind an den Fragen, denen sich hier die ganze zivilisierte Menschheit gegenübersieht, interessiert; beispielsweise stand der letzte Bericht der Internationalen Arbeitsorganisation – mit dem diese alljährlich dem Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen umfangreiches Informationsmaterial über die allgemeine Situation auf diesen Gebieten zur Verfügung stellt – völlig im Zeichen der sozialen Auswirkungen der Automation.

In den Vereinigten Staaten erzählt man sich dazu eine recht sarkastische Geschichte. Ein Gewerkschaftsführer besucht eine der größten Automobilfabriken der Welt. Der Direktor führt ihn freundlich, durch das Werk. Als die beiden an die Stelle kommen, wo Zylinderblöcke vollautomatisch fabriziert werden, meint der Direktor ironisch, diese Roboter würden ja wohl keine Gewerkschaftsbeiträge zahlen. Doch der Gewerkschaftsboß war um eine schlagfertige Antwort nicht verlegen. "Sie kaufen aber auch keine Autos", erwiderte er prompt.