Wie steht es mit der berühmten Anonymität des Großbetriebes: Man soll überlegen, was solche Begriffe konkret bedeuten. Mit Anonymität meint man, daß der einzelne seinen "Namen", d. h. seine Individualität, nicht behaupten kann, daß er nicht mehr als Individuum an einem bestimmten Platz "seine" Funktion ausübt, daß es vielmehr gleichgültig ist, ob er oder irgendein anderer seinen Platz einnimmt, weshalb er auch so behandelt wird und sich so verhält, als ob es auf ihn nicht ankomme. D. h. Anonymität drückt sich immer in der Weise aus, daß das Individuum austauschbar wird.

Man sollte denen, die mit Tremolo in der Stimme von der Anonymität des Großbetriebes sprechen, den Rat geben, einmal zuzusehen, wenn ein Meister einen Urlaubsplan macht. Hier geht es ja darum, Menschen für einige Wochen auszutauschen. Die Schwierigkeit dieses Legespiels oft benutzt er ein Brett mit Klötzchen), zu dem ein armer Werkmeister an einer hochtechnisierten Anlage verurteilt ist, im Vergleich zu der relativen Leichtigkeit, mit der ein Urlaubsplan in einer altmodischen Fabrik gemacht werden kann, ist das beste Argument gegen das ständige Lamentieren über Anonymität und Vermassung in der Großindustrie. Es ist offenbar gar nicht so leicht, in der modernen Massengesellschaft Menschen abzutauschen, und sei es nur für 14 Tage. Das gilt nicht nur für leitende Angestellte, die von ihrer Unersetzlichkeit gewöhnlich eine übertriebene Vorstellung haben, sondern auch für die Arbeiter.

Die Tatsache, daß relativ viele Arbeiter in Großbetrieben bei ihrer Arbeit auf sich gestellt sind, und daß räumliche Distanz oder spezialistische Einkapselung das ständige Kommandieren durch Vorgesetzte verringert, hebt das Selbstbewußtsein des Arbeitenden. Jeder Mensch merkt sehr bald, wenn andere auf ihn angewiesen sind und sich auf ihn verlassen müssen, veil er nicht ohne weiteres ausgetauscht werden kann, und stellt Ansprüche. Ergibt sich nun daraus, daß der Industriearbeiter dort, wo ihm die technische Entwicklung eine verantwortungsvollere Funktion zugeschanzt hat, in der er jeweils nicht so leicht zu ersetzen ist, sich freier fühlt und zufriedener ist?

In der vorhin erwähnten Befragung erklärten sich 75 v. H. der befragten Arbeiter für den Großbetrieb, nur 10 v. H. für den Kleinbetrieb (der Rest konnte sich nicht eindeutig entscheiden). Dabei handelt es sich allerdings um Arbeiter, die im Großbetrieb arbeiteten. Anderseits kann sich der Arbeiter ja in der Regel nicht den Betrieb aussuchen. Und wie jeder Mensch hat er die Neigung, das, was er nicht hat, höher zu schätzen als das, was er hat. Das Ergebnis spiegelt ohne Zweifel im großen und ganzen die Mentalität der westdeutschen Arbeiterschaft von heute. Interessant ist, daß eines der wichtigsten Argumente für den Großbetrieb war, daß man sich in ihm freier fühle. Es wurde von einem Drittel derer, die sich für den Großbetrieb aussprachen, geäußert, genauso oft wie die größere Sicherheit des Arbeitsplatzes erwähnt wurde.

Dieses Ergebnis ist eindeutig. Aber – es gilt nur im Vergleich zum Kleinbetrieb. Es besagt nicht, daß der Mensch im Großbetrieb frei und konfliktlos lebe. Um dies deutlich zu machen, müssen wir uns mit einem weiteren Klischee-Urteil über den Großbetrieb befassen.

Viele Menschen sind der Ansicht, daß ein industrieller Großbetrieb ein durchrationalisiertes Gebilde sei. Damit verbindet sich die Vorstellung, daß auch die Betriebsorganisation rational sei, d. h. im Hinblick auf den Betriebszweck (nämlich die Fertigung und den Verkauf von Gütern), auch wirklich durchdacht.

Dieser rationalisierten Organisation wird allerlei Böses nachgesagt, z. B. daß sie die Freiheit des ist Perfektion der Herrschaft – Garantie, daß der Herrschaftswille auch wirklich richtig an der richtigen Stelle ankommt. Z. B. wird Korruption jetzt vermeidbar, nicht zuletzt, weil man sie jetzt erst genau definieren kann. Ein weiterer Effekt ist: Man kann planen. Die Kontrollierbarkeit von Maßnahmen in ihrem Verlauf gestattet eine im hypothetischen Erfolg kontrollierte Neukombination von Mitteln, wodurch eine langfristige gezielte Veränderung der Wirklichkeit möglich wird.