Er habe eine Gruppe von Menschen, Menschen, die nur leben wollen und das Leben lieben, in einer ausweglosen Situation zeigen wollen, sagte der erst 26jährige polnische Regisseur Andrzej Wajda von seinem ersten Film „Der Kanal“ (zugleich der erste polnische Film in Deutschland nach dem Kriege), der in Köln vor führenden Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens erstaufgeführt wurde. Dieser Bildbericht vom Warschauer Aufstand 1944 – er erhielt 1957 in Cannes einen Sonderpreis der Jury – ist ein sehr harter Film. Vielleicht der härteste, der über den letzten Krieg gedreht wurde. Aber es ist kein Film der Anklage. Jedenfalls werden nicht die Deutschen angeklagt, (die den Aufstand niederschlugen; im ganzen Film tritt nur ein Deutscher auf) und auch nicht die Russen (die am anderen Weichselufer zusahen, wie sich die Polen verbluteten). Auch wenn man jene Szene in der deutschen Fassung belassen hätte, die zeigt, wie die SS den zerschundenen Haufen Überlebender aus dem Kanal niedermacht, wäre es kein anti-deutscher Film geworden; auch wenn Jerzy Stawinski, der als Kompanieführer am Aufstand teilnahm und nach dessen Erzählung der Film gedreht wurde, deutlicher als es hier geschieht, auf die ausbleibende Hilfe durch die Rote Armee hingewiesen hätte, der Eindruck, daß es ihm und Wajda nicht darum geht, Haß zu schüren, wäre geblieben.

Er klagt nicht an, dieser Film – er klagt, aber ohne jede Weinerlichkeit, ohne Pathos. „Ich liebe das Schöne, darum zeigte ich die Mächte, die es zerstören“, sagte Wadja in fast jungenhafter Naivität. Mit Bildern der Zerstörung setzt sein Film ein. Aufgerissene Häuserwände, Trümmer, zerfetzte Leitungsdrähte, wir kennen solche Kriegslandschaften allzu gut. Dazwischen Menschen. Ein versprengter Haufen von Widerstandskämpfern, auch Frauen darunter. In einer ehemals herrschaftlichen Villa haben sie sich eingenistet. Sie ahnen, daß sie verloren sind, daß sie sterben werden. Ihre Worte und Blicke sind zynisch und sehnsüchtig zugleich.

Bald ist ihre Stellung unhaltbar geworden. Sie müssen hinunter – in den Kanal, in das Labyrinth der Warschauer Kanalisations-Anlage. Im Tageslicht waren sie noch Menschen mit einer Chance. Jetzt werden sie dahinsterben wie Ratten. Wie Ratten hasten sie, an halbirren Zivilisten vorbei, durch die Gänge, immer auf der Suche nach einem Ausweg. Sie verlieren sich, sie geben auf, suchen weiter, verirren sich, üben Verrat. Denn es sind unter ihnen nicht nur Helden, sondern auch gemeine Feiglinge. Menschen eben, durch nicht viel mehr noch verbunden als durch die gemeinsame Angst vor dem Tode. Ein modernes Inferno zeigt dieser Film in Bildern unvergeßlicher Prägung. Wie etwa jener Augenblick, da ein Paar, daß sich unten im Kanal gefunden hat, endlich ein Licht erspäht und Hoffnung schöpft – und auf ein vergittertes Fenster stößt, das den Blick auf Wiesen und Felder jenseits der Weichsel freigibt, die sie nie betreten werden.

Der harte Realismus der italienischen Nachkriegsfilme diente als Vorbild. Aber die Polen sind keine Italiener. Diese Filmschöpfer sind auch versponnene Romantiker, Träumer und Poeten – ganz genügt ihnen die Wirklichkeit als Material nicht. Und wenn sie sie verändern, blicken ihnen Chopin und Cocteau über die Schulter, und ihr überwacher Intellekt verführt sie zu seltsamen Stilbrüchen. Doch verträgt es dieser Film weniger als andere, nur mit der ästhetischen Elle gemessen zu werden. Daß er, vierzehn Jahre nach jener deutsch-polnischen Tragödie, in Polen so gedreht werden konnte und daß ihn Polen heute bei uns zeigen können, das allein spricht schon für ihn.

Wolfgang Ebert