Von Felix Morley

Washington, Ende Juli

Dieses eine ist gewiß: Als Präsident Eisenhower Mitte Juli amerikanische Truppen in den Libanon beorderte, hat er es sich nicht träumen lassen, daß dieser Entschluß die Wahrscheinlichkeit eines Gipfeltreffens mit Nikita Chruschtschow beträchtlich erhöhen werde. Ebenso sicher ist, daß Außenminister Dulles (die treibende Kraft hinter der Intervention), der sich seit dem fragwürdigen Ausgang der Genfer Konferenz von 1955 mit ganzer Kraft gegen eine neue Gipfelkonferenz gestemmt hat, diesen Effekt der US-Landung weder beabsichtigte noch voraussah. Schon gar nicht wollte, noch will er, daß diese Konferenz auf amerikanischem Boden stattfindet, wo Chruschtschow mit Sicherheit derselbe jubelnde Empfang bereitet würde, den die Amerikaner allen Berühmtheiten bereiten – ohne sich zu fragen, weswegen die Gefeierten eigentlich berühmt sind.

Allmählich dämmert den Amerikanern, daß Washington wieder einmal von Moskau ausgestochen worden ist. Und daß ihre Diplomatie sich ebensowenig in stolze Höhen zu erheben vermag wie ihre Interkontinentalraketen. Diese Erkenntnis aber schockiert und kränkt viele US-Bürger, und es verstärkt in ihnen die Überzeugung, daß ihre Außenpolitik nicht nur unerträglich kostspielig, sondern zugleich stümperhaft und unzulänglich ist.

Bislang ist es dem State Department gelungen, noch jede Kongreßuntersuchung zu unterbinden, die darauf abzielte, einmal die großen Linien der US-Außenpolitik aufzudecken. – wenn es überhaupt langfristige Pläne aufzudecken gibt. Derlei Enthüllungen, hieß es immer, seien geeignet, die "nationale Sicherheit" zu gefährden. Da die nationale Sicherheit nun aber offensichtlich auch ohne alle parlamentarischen Enthüllungen gefährdet ist, wird eine gründliche Überprüfung der auswärtigen Politik der Vereinigten Staaten jetzt wohl von niemandem mehr verhindert werden können.

Möglicherweise wird die Kongreßuntersuchung (um den Vorwürfen den Boden zu entziehen, dabei würde nur eine parteipolitische Fehde ausgetragen) bis nach den Wahlen im November vertagt. Doch läßt sich jetzt schon zuversichtlich voraussagen, daß diese Wahlen einen Triumph der Demokraten bringen werden. Und es kann ferner gesagt werden, daß Adlai Stevenson aufs neue in den Kreis der Präsidentschaftskandidaten rücken wird, wenn er von seiner gegenwärtigen Rußlandreise mit einer eindrucksvollen Formel für die "friedliche Koexistenz" der beiden Machtblöcke zurückkehrt.

Solange es den Anschein hatte, es drohe ein neuer Weltkrieg, wurde an der anglo-amerikanischen Intervention nur verhältnismäßig wenig offene Kritik geübt. Im Gegenteil: man war es ganz zufrieden, daß hier endlich einmal etwas unternommen worden war. Diejenigen, die in der Politik weniger gut Bescheid wissen, huldigten der Ansicht, das Landungsunternehmen schiebe Chruschtschow wie Nasser endgültig einen Riegel vor. Und die naive Annahme war weitverbreitet daß die "freie Welt" das energische amerikanische Vorpreschen sehr begrüßen werde.