Währungspolitik erfordert in nächster Zeit gesunde Nerven – EWG zwingt zu vermehrter Disziplin

Von Hermann J.Abs

Nach wie vor aktuell, wenn auch von Monat zu Monat in verschiedenem Grad, ist das Problem, wie ein dauerhaftes Gleichgewicht der Zahlungsbilanzen erreicht werden kann. Immer dann erhitzen sich die Geister an ihm, wenn die Überschüsse der einen und die Defizite der anderen Länder ein besonderes Ausmaß annehmen. Aber ist unter den gegenwärtigen Umständen eine endgültige Lösung allein von Seiten der Bundesrepublik überhaupt möglich und erwünscht? In den folgenden Ausführungen stellt ein anerkannter Experte für währungspolitische Fragen, Hermann J. Abs, dieses Problem in den internationalen Zusammenhang, in den es gehört. Die Überlegungen des Autors dürften für die deutsche Währungs- und Finanzpolitik der nächsten Zukunft von grundlegender Bedeutung sein.

Die große Illusion mancher scheint in dem Glauben zu bestehen, ein Land mit inflationärer Entwicklung könne allein durch wirtschaftliche Hilfsmaßnahmen des Auslands zu einer Beendigung der Inflation instandgesetzt werden. Was andere Länder auch tun, ob sie Liquiditätshilfe geben oder langfristiges Kapital zur Verfügung stellen – als Kredit od:r gar als verlorenen Zuschuß –, bliebe es allen bei solchen Maßnahmen, so brächten sie dem Defizitland zwar Linderung der Beschwerden, die sich infolge der unausgeglichenen Leistungsbilanz ergeben – die Ursachen aber, die zu solche: Störung geführt haben, wären weiterhin wirksam.

Gesetzt, es gäbe nur wirtschaftliche Gesichtspunkte zu bedenken, und zwar nur solche, die das Verhältnis zwischen Überschuß- und Defizitland betreffen – d. h. nach Lage der Dinge zumeist zwischen einem solchen mit relativ harter Währung und einem anderen mit inflationärer Entwicklung –, dann wäre im Gegenteil große Härte des Überschußlandes die beste Medizin für die währungspolitische Gesundung des Defizitlandes. Sie versetzte dieses nämlich in eine Lage – vorausgesetzt kein Dritter leistet Hilfe –, Deviseneinnahmen und -ausgaben ins Gleichgewicht bringen zu müssen.

Die uneingeschränkte Anwendung einer solchen Medizin kann aber aus politisch-psychologischen Gründen sowie mit Rücksichtnahme auf die Interessen dritter Länder nicht stets und in vollem Umfang angewendet werden. Wie es sich auch im Einzelfall verhalten mag, die Finanzhilfe von Überschußländern ist (und zwar auch dann, wenn sie aus politischen Gründen geboten ist) leicht dazu angetan, die Wiederherstellung eines dauerhaften Gleichgewichtes zu verzögern. Gibt sie doch dem defizitären Land eine neue Atempause, in der nicht unbedingt das zu geschehen braucht, was zu einer wirklichen Gesundung nötig wäre.

Dieser Sachverhalt macht zweierlei nötig: erstens ist alles nur Mögliche zu tun, daß eine Finanzhilfe der eben erwähnten Art nur unter der Voraussetzung gewährt wird, daß die Regierung des defizitären Landes wirklich das ihrige dazu tut, um den finanziellen Aufwand des Staates, aber auch der einzelnen Bürger und der Wirtschaft, in Übereinstimmung mit dem auf die Dauer real Möglichen und Gesunden zu bringen. Zweitens, solange es aus vermeidbaren oder nicht vermeidbaren Gründen unmöglich ist, die Ursachen der Bildung neuer Defizite zu beseitigen, wird die finanzielle Hilfestellung des Überschußlandes bestenfalls zu einer provisorischen Verbesserung der finanziellen Situation führen.