Von Otto Tappen

Ein fernöstliches Kuriosum mag es uns Europäern scheinen; für die Japaner aber kann es das Vorzeichen einer neuen kulturellen Epoche sein: ein kleiner, fast gewöhnlich zu nennender Prozeß vor dem Bezirksgericht in Tokio. Dieses Gericht untersagte Zenichi Kiyasu, Diplomingenieur für Elektronentechnik und begeisterter Anhänger des lateinischen Buchstabensystems zur Schreibung des Japanischen, des sogenannten Romaji, seinen Namen in lateinischen Buchstaben an Stelle des üblichen japanischen Siegels ins amtliche Register eintragen zu lassen. Die Urteilsbegründung weist darauf hin, daß dafür dieselben Zeichen verwendet werden müssen, die für den Antragsteller im Geburtsregister benutzt worden sind. Für Zenichi Kiyasu stehen dort aber noch nicht einmal die neueren japanischen Silbenlautzeichen, sondern sogar auch noch die ganz alten des Kanji aus der chinesischen Begriffsschrift.

Die Auseinandersetzung erhält ihr besonderes Gewicht dadurch, daß in Japan gegenwärtig vier verschiedene Schriftsysteme gebraucht werden: das Hiragana, das Katakana, das Kanji und die lateinische Schrift, für deren Einführung sich seit ihrer Gründung im Jahre 1885 die Romaji-kai, Gesellschaft für Lateinschrift, einsetzt. Diese Gesellschaft ist es auch, die die Berufung des Diplom-Ingenieurs Kiyasu beim Obersten Gericht unterstützt – und mit ihr ein großer Teil der japanischen Öffentlichkeit, repräsentiert durch die 200 Tageszeitungen mit täglich 40 Millionen Exemplaren.

Die Einführung der Antiqua in Rotchina vor wenigen Wochen hat zweifellos zur Wiederbelebung dieser alten Auseinandersetzung beigetragen. Es besteht ja zur Zeit noch die merkwürdige Situation, daß die Japaner eine ihnen artfremde, nämlich die zur Schreibung des Japanischen recht ungeeignete, unzulängliche chinesische Schrift verwenden, die selbst in ihrem Ursprungsland inzwischen durch eine andere Schrift ersetzt wurde.

Als vor rund 1500 Jahren die chinesischen Schriftzeichen nach Japan gelangten, wurden neben den Begriffszeichen dann auch sehr bald Lautzeichen verwendet, denn im Gegensatz zum Chinesischen kennt das Japanische Flektions-Endungen, um die die übernommene Schrift erweitert werden mußte. Jahrhunderte waren erforderlich, um ein diesen zusätzlichen Anforderungen entsprechendes System zu entwickeln, das trotz allem unbequem blieb. Oft weiß man nicht, ob man ein Zeichen japanisch oder chinesisch lesen soll; es gibt nur den Sinn an, ohne eine Beziehung zur Aussprache zu haben.

Aus diesem Dilemma entwickelte sich die Silhinschritt, die heute noch in zwei Schreibweisen angewandt wird: das Hiragana, das vor tausend Jahren aus der Kursivform der chinesischen Schrift übernommen wurde, und das Katakana, die "Teil"-Schrift, die jeweils nur einen Teil des chinesischen Zeichens übernahm.

Es spricht für eine überdurchschnittliche Intelligenz, daß Japaner jeweils 46 völlig voneinander verschiedene Zeichen der beiden Schriftsysteme in nur drei Grundschuljahren erlernen. Dazu müssen noch 881 der gebräuchlichsten Ideogramme der chinesischen Schrift, der Kanji, "gepaukt" werden, denn sie erscheinen im gedruckten japanischen Text meist mit dem Hiragana vermischt. Selbst das japanische Unterrichtsministerium gestand freimütig ein, daß normale Begabung nicht ausreicht, Japanisch in Wort und Schrift zu beherrschen. 85 v. H. der Japaner sind nicht in der Lage, alle Zeitungsartikel zu lesen.