Von Theo Sommer

Noch keine vierzig Stunden waren seit der Ausschiffung der ersten amerikanischen Landungseinheiten an der libanesischen Küste vergangen, die Marine-Infanteristen hatten eben erst ihre Schützenlöcher auf dem Beiruter Flughafen ausgehoben und die Geschütze in Stellung gebracht, da setzte ein Düsentanker des Strategischen Luftkommandos der US-Air-Force auf der Landepiste Beiruts auf. Der Maschine, die die Strecke Wahington-Beirut in elfstündigem Nonstopflug zurückgelegt hatte, entstieg lächelnd, im frischgebügelten dunklen Tropical-Einreiher wie immer makellos gekleidet, in der linken Hand eine schmale Diplomatenaktentasche, der Krisenspezialist des US-Außenministeriums: Robert Daniel Murphy.

Das war vor vierzehn Tagen. Seither bemüht sich Unterstaatssekretär "Bob" Murphy unablässig, jenen Auftrag auszuführen, den ihm Präsident Eisenhower erteilt hat: "Alles nur Mögliche zu tun, um Frieden und Ordnung im Libanon wiederherzustellen und dem Präsidenten Schamun bei seinen auf dieses Ziel gerichteten Anstrengungen an die Hand zu gehen." Vierzehn Tage lang hielt er mit libanesischen Politikern aller Schattierungen – auch mit den Rebellen – eine Besprechung nach der anderen ab, um eine Kompromißformel für die Beilegung des Bürgerkrieges zu finden. Es scheint ihm gelungen zu sein: die Kandidatur des Generals Fuad Schehab weist den Weg aus der elfwöchigen Staatskrise.

Einfach war die Aufgabe des amerikanischen Sonderbeauftragten gewiß nicht. Doch wenn einer sie zu lösen vermochte, dann eben Bob Murphy. Manche nennen ihn den "fähigsten US-Diplomaten seit Benjamin Franklin". Und auf jeden Fall ist der bald 64jährige der in den letzten beiden Jahrzehnten das Epipregt Washingtons Troubleshooter Number One – Feuerlöscher Nummer eins – redlich verdient hat, heute das beste Pferd im Stall des State Department. Eine Biographie dieses Mannes? Das wäre ein dickleibiges Werk über die internationalen Beziehungen während und nach dem zweiten Weltkrieg. Denn wo es auch kriselte – seit 1940 war Murphy überall dabei.

So war es 1940/42, als er – zunächst Geschäftsträger in Vichy, später Generalkonsul in Algier – im Spannungsfeld zwischen Petain, Darlan und de Gaulle die amerikanische Landung in Nordafrika diplomatisch vorbereitete. Und so war es auch bei den großen Kriegskonferenzen von Kairo, Teheran und Jalta, bei den Waffenstillstandsverhandlungen mit Italien in Lissabon und später bei den Nachkriegskonferenzen in Paris, London, New York und Moskau, als es um den deutschen Friedensvertrag ging. Erst – neben Harold Macmillan – politischer Berater des damaligen Oberbefehlshabers Dwight D. Eisenhower, dann beratender Verbindungsmann des State Department zu den Militärgouverneuren in Deutschland – Murphy blieb im Brennpunkt des Geschehens.

Verhandlungen über die Aufhebung der Berliner Blockade – Murphy war dabei. Schumacher stemmt sich gegen die föderalistische Verfassung der Bundesrepublik – Murphy bewegt den Oppositionsführer zum Einlenken. In Tokio wird der Friedensvertrag mit Japan ausgehandelt – Amerikas Botschafter am Gaimusho heißt Murphy. Tauziehen um die Beendigung des Koreakrieges in Panmunjon – Murphy sitzt im Verhandlungszelt. Die Pariser Nationalversammlung bringt das EVG-Projekt zu Fall – der lange, massiv gebaute Ire bahnt bei einem Blitzbesuch in die europäischen Hauptstädte die Deutschland-Verträge an. Vermittlung im Triest-Konflikt zwischen Italien und Jugoslawien – wieder wird Murphy eingeschaltet. Eingeschaltet wird er im Sommer 1956 auch in die ersten Bemühungen um eine friedliche Lösung der Suezkrise. Und als im Februar, nach dem französischen Bombenabwurf auf Sakiet el Jussuf, das Verhältnis zwischen Tunesien und Frankreich auf Spitz und Knopf steht, da ist es wieder. Murphy, der als ehrlicher Makler zwischen Tunis, Paris und London hin und her pendelt.

Es ist Murphy nicht an der Wiege gesungen worden, daß er einmal die höchste Sprosse erklimmen werde, die ein Berufsdiplomat im amerikanischen Auswärtigen Dienst erreichen kann. Er begann seine Laufbahn vor 41 Jahren sehr klein und bescheiden: als Schreiber in der Berner Gesandtschaft der Vereinigten Staaten.