Von M. Soschtschenko

Michail Michailowitsch Soschtschenko, der große russische Satiriker, ist knapp drei Wochen vor seinem 63. Geburtstag in Leningrad gestorben. Soschtschenko hinterläßt zahlreiche Kurzgeschichten und Skizzen, die sich – wie die hier abgedruckte – sämtlich mit dem sowjetischen Alltag humoristischkritisch auseinandersetzen. Vielfach ist er selber deshalb "von Staats wegen" kritisiert worden, mußte Selbstkritik üben und zeitweilig auf Veröffentlichung seiner Satiren in den Ostblockstaaten verzichten, während er in den westlichen Ländern seit fast dreißig Jahren unentwegt nachgedruckt und mit Vergnügen gelesen wird. Seine spitze Feder hörte nie auf, an der bolschewistischen Lebensführung herumzusticheln. Seine bekanntesten Satiren sind "Der redliche Zeitgenosse", "Der russische Alltag", "Der Propagandaredner" und – wohl die bekannteste Sammlung – "Schlaf schneller, Genosse!".

Wolodja Bokow hat stark über den Durst getrunken. In seinem Kopf dreht sich alles, und die Brust schwillt vor Tatendurst. Er sei, sagt er zu den Mitreisenden im Zug, ein Mensch, dem alles erlaubt sei. Nicht einmal das Volksgericht könne ihm etwas anhaben, denn, sagt er, seine Abstammung lasse nichts zu wünschen übrig – sie sei echt proletarisch: Der Großvater sei Kuhhirte und die Mutter Melkerin gewesen.

Ihm gegenüber sitzt ein Mann, der anständig angezogen ist und Watte in den Ohren hat. Dieser sagt: "Wenn du noch lange hier angibst, wird man dich auf der nächsten Station an die Luft setzen."

Wolodja antwortet darauf entrüstet: "Mir kann allein schon wegen meiner Abstammung nichts geschehen. Ich mache, was mir paßt – und niemand kann mich daran hindern."

Die Mitreisenden ärgert diese Prahlerei. Einer von ihnen, ein Kerl mit blauer Mütze, sagt heimtückisch: "Beweise deinen Mut, mein Lieber, indem du an diesem Handgriff dort ziehst. Das ist nämlich die Notbremse."

Darauf Wolodja: "An welchem Hebel soll ich ziehen? Drück dich klarer aus, du Hundesohn!"