Am Aktienmarkt ist nach den kräftigen Schwankungen, die der Nahost-Krise folgten, sommerliche Stille eingetreten. Die Kurse haben sich dabei auf dem nach der Nahost-Krise gut erholten Niveau stabilisiert. Im einzelnen wies der Markt kleinere Schwankungen auf, die aber weniger eine allgemeine Unentschlossenheit widerspiegelten, als auf ein zufälliges Überwiegen von Angebot oder Nachfrage zurückzuführen waren, wie es bei kleineren Umsätzen üblich ist. Per Saldo ergaben sich sogar bei den meisten Aktien im Laufe der letzten Tage weitere Kurserhöhungen. Die IG Farben Nachfolger, Elektro- und Bankaktien bildeten nach wie vor die Favoriten. Sie erreichten im Laufe dieser Entwicklung ihre bisherigen Jahreshöchstkurse wieder oder lagen zu Beginn dieser Woche nur noch knapp unter diesem Niveau. Es handelt sich hierbei zumeist um optisch ungewohnt hohe Kurse von 240 bis 270 v. H. bei den Standardaktien und zwischen 300 und 400 v. H. bei zahlreichen Aktien mit engeren Märkten. Der Aktienmarkt liegt in diesem Punkt gegenüber dem Markt der Festverzinslichen im Nachteil, da bei Rentenemissionen im Falle lebhafter Nachfrage niedrigere Nominalzinssätze gewählt werden können und auf diese Weise zumindest die Emissionskurse in einer dem Anleger gewohnten Höhe gehalten werden. Dagegen gibt es am Aktienmarkt keine Ausweichmöglichkeit. Die Folge ist, daß die Anleger nach einer gewissen Aufwärtsbewegung schon wegen des ungewohnten Kursbildes zu zögern beginnen und somit die Nachfrage unnötig gebremst wird.

Trotzdem sollte man sich nicht von optisch hohen Kursen abschrecken lassen. In vielen Fällen haben Käufer, die bereit waren, derart "hohe" Kurse zu zahlen, hinterher feststellen können, daß sie noch relativ billig gekauft hatten. Zum Beispiel erwies sich das bei fast all den Werten, deren Bezugsrechte in diesen Tagen gehandelt werden. Die Kaufhof-Aktie kostete z. B. vor einem Vierteljahr noch 340 bis 350 v. H. Sie erzielte Anfang dieser Woche einen bisherigen Jahreshöchstkurs von 413. Auch Continental Gummi Werke, deren Bezugsrecht ebenfalls Ende dieser Woche gehandelt wird, konnten im Laufe der letzten Monate auf eine Kurssteigerung von 30 bis 40 Punkten zurücksehen. Die konjunkturell besonders günstige Lage einiger Gesellschaften, wie z. B. die der Kaufhaus-Branche, die darüber hinaus in ihrer Finanzstruktur ein erfreulich gutes Bild aufweisen, finden naturgemäß in der Kursentwicklung ihren Ausdruck, und der Käufer sollte all diese Momente in Rechnung stellen, bevor er sich entscheidet, eine "billigere" Aktie, die etwa bei 100 bis 150 v. H. notiert, zu wählen.

Der trotz all dieser Überlegungen und Erfahrungen der letzten Monate immer wieder bestehende Anreiz niedrig notierender Werte ist vor allen Dingen darauf zurückzuführen, daß hier mit relativ kleinem Einsatz gearbeitet werden kann. Zudem besteht die Auffassung, daß niedrigere Kurse grundsätzlich größere Kurschancen in sich bergen. Als Beispiel hierfür wird häufig auf die jüngste Entwicklung der IG Farben Liquidationsanteilscheine verwiesen, deren Kurs von etwa 42 v. H. auf 46 1/2 v. H. innerhalb von zehn Tagen anzog, das sind mehr als 10 v. H. des vor kurzem angelegten Kapitals. Das treibende Moment in diesen IG-Farben-Resten ist jedoch im wesentlichen die Kursentwicklung der in den vollen IG Farben Liquis enthaltenen Aktien der Chemie-Verwaltungs AG. Hierbei handelt es sich um eine optisch sehr hoch notierende Aktie, deren Kurs in den letzten Tagen von 475 auf 533 v. H. zu Beginn dieser Woche emporschnellte.

Die Anregungen zu der freundlichen Kursentwicklung am Aktienmarkt gingen abgesehen vor den Meldungen über die befriedigende Konjunkturlage in der Bundesrepublik vor allen Dingen von der kräftigen Aufwärtsbewegung der internationalen Börsen aus. Die hauptsächliche Erklärung für diese Aufwärtsbewegung ist wohl darin zu sehen, daß die Anleger mit einer Erholung der amerikanischen und internationalen Konjunktur spätestens für 1959 rechnen und sich bereits heute auch unter dem Einfluß des billigen Geldes die voraussichtlich denn haussierenden Aktien kaufen.

Es erscheint nicht folgerichtig, wenn sich die deutschen Börsen einerseits von dieser Aufwärtsbewegung beeinflussen lassen, andererseits aber die eigenen Montanaktien, die von einem internationalen Konjunkturaufschwung aller Wahrscheinlichkeit nach profitieren würden, vernachlässigen. In den USA zog z. B. der Kurs für Bethlehem-Steelshares auf 45 $ pro share an, gegenüber einem Tiefstand von 36 $ im letzten Herbst und einem vorjährigen Höchstkurs von 50 $. In der Bundesrepublik verharrten dagegen z. B. Hoesch-Aktien nahe ihrem Tiefstand bei etwa 128 v. H. Der deutsche Montanaktionär sollte daher, sofern auch er auf eine Besserung der internationalen Konjunktur hofft, an seinem Besitz festhalten, auch wenn die Kurssteigerungen auf anderen Marktgebieten ihm das oft schwerfallen lassen. W.M.