Der industrielle Großbetrieb, Sorgenkind und Sündenbock unserer Zeit

Von Hans Paul Bahrdt

Kritiker der modernen industriellen Entwicklung sagen, der Großbetrieb zeichne sich durch eine starke innere Unruhe aus. Seine Belegschaft sei eine anonyme Masse, innerhalb derer es nicht zu persönlichen Beziehungen komme. Aus diesem Grunde könne man sich in ihm auch nicht zu Hause fühlen. Kein Wunder, daß man in ihn eintritt und ihn wieder verläßt, wie es sich gerade ergibt.

Dieses Urteil ist falsch, wenn man den großen Industriebetrieb mit industriellen Mittelbetrieben, mit Handwerksbetrieben und Bauernwirtschaften vergleicht. Selbstverständlich: Auch im Großbetrieb fühlt man sich in der Regel nicht "zu Hause". Niemand empfindet den Ort, wo er eine anstrengende Arbeit bei meist mäßigem Verdienst in abhängiger und unsicherer Stellung ausüben muß, als heimatlich. Es ist allerdings noch nie festgestellt worden, wie geborgen, wie sehr "zu Hause" sich etwa der mittelalterliche Handwerksgeselle bei seinem Meister gefühlt hat. Damals wurden keine Umfragen veranstaltet. Memoiren hinterließen die Gesellen auch nicht, denn sie konnten meist nicht schreiben. Aber wir wissen von zahlreichen Gesellen-Unruhen, insbesondere in Städten, in denen es geschlossene Zünfte gab und viele Gesellen nicht die Aussicht hatten, jemals Meister zu werden. Heute gibt es keine Gesellenaufstände, aber Personalschwierigkeiten im Handwerk, weil die Gesellen in die Industrie (vor allem die Großindustrie) abwandern, selbst wenn sie dort keine Gelegenheit haben, in ihrem erlernten Beruf zu arbeiten.

Erstaunliche Stabilität

Demgegenüber weisen die Belegschaften der ganz großen Industriewerke – heute, nachdem die Kriegs- und Nachkriegsmobilität abgeklungen ist – eine erstaunliche Stabilität auf. Wer einmal in einem Riesenbetrieb Arbeit gefunden hat, verläßt ihn in der Regel nicht mehr. Er bemüht sich zu bleiben und hat mit diesem Bemühen in einem Werk, das in flauen Zeiten seine Belegschaft mit Hilfe von Kurzarbeit zu halten versucht, im allgemeinen größeren Erfolg als in mittleren und Kleinbetrieben, deren Belegschaftsstärke nicht nur im großen Konjunkturrhythmus, sondern auch kurzfristig je nach Auftragslage schwankt.

Es ist natürlich nicht Traulichkeit und Heimatlichkeit, die den Arbeiter an seinem Arbeitsplatz im Großbetrieb kleben läßt, sondern zunächst sind es handfeste materielle Vorteile: In der Regel wird besser verdient. Ferner wird das Dableiben belohnt: Je länger die Betriebszugehörigkeit, desto höher die Weihnachtsgratifikation, desto größer auch die Aussichten auf Beförderung, Wohnung und andere soziale Vergünstigungen. Dagegen wird freiwilliges Ausscheiden bestraft: Es ist in gewissen Extremfällen üblich, einen Beschäftigten, der von sich aus gekündigt hat, nicht wieder einzustellen. Dies bedeutet dort, wo der Arbeitsmarkt von einem großen Werk beherrscht wird, eine empfindliche Einschränkung der beruflichen Bewegungsfreiheit. Auf jeden Fall kann man aber nicht behaupten, daß der Großbetrieb ein Ort ist, wo das Nomadentum der modernen Gesellschaft besonders stark zu spüren sei. Im Gegenteil: Hier herrschen Seßhaftigkeit, alte eingefahrene persönliche Beziehungen, Gewohnheiten, die sich von Generation zu Generation weitererben. Wer die organisatorische und soziale Struktur eines solchen Betriebes analysiert, braucht archäologischen Spürsinn. In einer Befragung von Arbeitern eines sehr großen Hüttenwerks würde festgestellt, daß etwa jeder fünfte Befragte auf Grund persönlicher, meist familiärer Beziehungen auf seinen Arbeitsplatz gekommen war.