dk., Hamburg

Ein Jammer, daß das Praktische manchmal so unpraktisch ist. Man kann damit die peinlichsten Überraschungen erleben.

Ich kaufte in der Innenstadt Milch, weil vorauszusehen war, daß ich meinen heimatlichen Milchladen vor Ladenschluß nicht mehr erreichen würde. Und ich kaufte die Milch – weil dies so praktisch ist – in einer Pappflasche, die ich sorgfältig in der Hand trug. Da ich aber auf meinem Wege auch manchmal auf die Verkehrslichter achten mußte und dabei die Praktische aus den Augen verlor, begann die Flasche bald zu tröpfeln. Ich würde schätzen, daß ein mäßiger Fußgänger mit Hilfe dieser Pappflasche gute anderthalb Kilometer hätte mit Milch besprenkeln können.

Die Uhr war kurz vor sechs, und um sechs macht die Post zu. Ich eilte hinein, um rasch noch Briefmarken zu kaufen. Die Milch hielt ich in der ausgestreckten Hand.

Und da erblickte ich ihn, den Seltenen, den Mann aus der ganz und gar verlorenen Zeit, den in Lumpen und Fransen gehüllten armen Mann, den westdeutschen Anachronismus. Er saß an einem der Schreibpulte. Hohläugig, stoppelbärtig, schmutzig, traurig, hungrig sah er aus. Er hob einen Zigarettenstummel auf und steckte ihn in die Tasche des zerfransten Mantels.

Das machte mir Mut. Ich nahm mich zusammen und ging auf den Mann zu. In einfach-wohlgesetzten Worten erklärte ich ihm, daß ich noch einiges zu erledigen habe und die ein wenig tropfende Pappflasche nicht mitnehmen könnte. Ob er sie haben wolle?

"Nee", sagte der Mann, "die leckt ja."