Von René Erbe

Im vergangenen Jahr bemerkte Chruschtschow einigen westlichen Korrespondenten gegenüber zuversichtlich: "Wir werden euch begraben." Er gründete seine optimistische Voraussage in erster Linie auf das Wachstum der industriellen Produk-• tion in Sowjetrußland. In seinen zahlreichen Reden pflegt er diese seine Lieblingsthese mit Zahlenangaben zu untermauern, die geeignet sind, harmlose westliche Parlamentarier in Panikstimmung zu versetzen. So vernimmt man mit Staunen, daß die jährliche Wachstumsrate der sowjetischen Industrieproduktion im Zeitraum 1928–1955 11,9 v. H. betragen habe und in den Jahren 1950–1955 sogar auf 13,1 v. H. gestiegen sei. Demgegenüber lauten die entsprechenden amerikanischen Zahlen, wie der Präsident und Premierminister genießerisch feststellt, nur auf 3,7 und 4,6 v. H. Man braucht keine Kenntnisse in Mathematik, um auszurechnen, daß die industrielle Produktion der Sowjetunion diejenige der Vereinigten Staaten in Bälde erreichen und überflügeln würde, wenn die gegenwärtigen Steigerungsraten der beiden Produktionsindices andauern.

Es kann unter diesen Umständen nicht erstaunen, daß amerikanische Statistiker sich in letzter Zeit zunehmend der undankbaren Aufgabe widmen, den sowjetischen Produktionsdaten auf den Grund zu gehen und zu versuchen, Dichtung und Wahrheit zu trennen. Daß die verschiedenen Forscher nicht alle zu gleichen Ergebnissen gelangten, kann auf Grund der Spärlichkeit und Primitivität der sowjetischen Statistik ebenfalls nicht verwundern. In einem Punkt sind sich jedoch die amerikanischen Beobachter einig:

Die von Chruschtschow aufgeführten Zahlen gehören ins Gebiet der Propaganda. Der amtliche sowjetische Produktionsindex basiert auf statistischen Methoden, die ungefähr denjenigen der preußischen Kameralistik entsprechen. Aber selbst wenn man die propagandistischen Übertreibungen in Rechnung stellt und die sowjetischen Produktionsdaten in einem modernen, "westlichen" Produktionsindex zusammenfaßt – wie dies verschiedene amerikanische Statistiker jüngst getan haben – so bleibt immer noch genug übrig, um einen nachdenklich zu stimmen.

Die obenstehende graphische Darstellung ist das vorläufige Resultat einer umfassenden Untersuchung über das wirtschaftliche Wachstum in der Sowjetunion, die gegenwärtig vom amerikanischen "National Bureau of Economic Research" unternommen wird. Sie vergleicht das Wachstum der industriellen Produktion in den Vereinigten Staaten mit demjenigen des zaristischen und sowjetischen Rußland im Zeitraum 1860–1955. Auf die zahlreichen technisch-statistischen Probleme, die ein solcher langfristiger Vergleich aufwirft, kann hier nicht eingegangen werden. Man darf aber annehmen, daß das "National Bureau" (das über geradezu enorme Mittel verfügt), die beiden Indices mit aller möglichen Sorgfalt und Umsicht ausgearbeitet hat. Der Sowjetindex beruht nicht auf amerikanischen Mutmaßungen und Schätzungen, sondern auf sowjetischen Produktionsangaben, die allerdings in anderer Weise gewichtet und zusammengefaßt sind als im offiziellen sowjetischen Produktionsindex.

Die beiden Kurven liefern keine Anhaltspunkte über den absoluten Stand der industriellen Produktion in den beiden Ländern; sie zeigen nur relative Wachstumsraten. Über die absolute Höhe der sowjetischen Industrieproduktion veröffentlichte das "National Bureau" vor einem Jahr eine Studie, aus der hervorgeht, daß Rußland im Jahre 1955 ungefähr gleichviel produzierte wie die Vereinigten Staaten im Jahre 1920.

Die Kurven zeigen, daß die langfristige Wachstumsrate der sowjetischen Produktion sich von derjenigen des Zarenreiches oder der Vereinigten Staaten nicht wesentlich unterscheidet. Im Jahre 1955 befand sich die russische Industrieproduktion ungefähr dort, wo sie gewesen wäre, wenn die von 1860–1913 feststellbare Wachstumsrate beibehalten worden wäre. Diese Feststellung ist von einiger Bedeutung, ist doch die Meinung besonders in unterentwickelten Ländern weitverbreitet, daß die Geschwindigkeit der Industrialisierung Sowjetrußlands ein einzigartiges Phänomen darstelle und daß die Sowjets die Technik beherrschten, in wenigen Jahrzehnten ein rückständiges Agrarland in eine hochindustrialisierte Gesellschaft zu verwandeln. Eine derartige Ansicht ist jedoch vollständig unbegründet. Die langfristige Wachstumsrate der sowjetischen Wirtschaft ist weder größer als diejenige des Zarenreichs noch größer als diejenige des kapitalistischen Amerika. Bis heute wird die auch im Westen oft vertretene These, daß das wirtschaftliche Wachstum in einer Planwirtschaft rascher vorangehe als in der freien Marktwirtschaft, durch die Praxis keinesfalls bestätigt.