Von Gottfried Sello

Barlachs Druckgraphik bildete bisher den weniger bekannten Teil seines Werkes. Ruhm und Anerkennung konzentrierten sich auf der Bildhauer. Es folgte, in weitem Abstand, der Zeichner, der eigentlich erst nach dem Kriege im Zuge der großen Barlach-Renaissance entdeckt wurde; und die literarisch Interessierten hielten sich an die Dramen und Romane des Dichters.

Barlach selber hat sich um das Schicksal seiner graphischen Blätter wenig gekümmert. Ganze Serien, vor allem die Illustrationen zu eigenen und fremden Dichtungen, lagen jahrelang bei seinem Verleger, bis sie verramscht wurden. Die dokumentarischen Holzschnitte aus dem Jahre des ersten Weltkrieges (in denen der anfänglich sehr biedere Patriotismus am Ende in apokalyptischen Visionen des Schreckens untergeht) fanden ebenso wie die späten Einzelblätter nur geringe Verbreitung Barlach hat die fertigen Arbeiten nicht einmal registriert. Solche nachträgliche Bestandsaufrahme zählte zu den Dingen, die er als "Lebenskrempel" verabscheute.

So erklärt sich die merkwürdige Tatsache, daß wir erst jetzt, zwanzig Jahre nach seinem Tod, zum erstenmal das gesamte graphische Werk zu Gesicht bekommen. Im Auftrag der Barlach-Gesellschaft hat Dr. Wolf Stubbe in der Hamburger Kunsthalle alles irgend Erreichbare zusammengebracht: rund 300 Blätter aus den verschiedensten Privatsimmlungen und aus Museumsbesitz.

Gleichzeitig ist, im Verlag von Dr. Ernst Hauswedell, Hamburg, nach jahrelangen Vorarbeiten der zweite Band des Oeuvre-Katalogs erschienen, der "Das Graphische Werk" in halbseitigen Abbildungen und beschreibenden Texten umfaßt Die anderen beiden Bände (Band I mit "Plastik" und Band II mit "Zeichnungen") werden im nächsten Jahr folgen. Die große Barlach-Gemeinde wild mit Genugtuung konstatieren, daß bei diesem Werkverzeichnis Männer und Organisationen diesseits, und jenseits der Zonengrenze vorbildlich zusammengearbeitet haben: der Herausgeber des Graphik-Katalogs Friedrich Schult, ein naher Freund von Barlach, der auch heute noch in Güstrow (Mecklenburg) lebt; die Deutsche Akademie der Künste in Ostberlin; die Barlach-Gesellschaft in Hamburg und Ratzeburg; das Barlach-Archiv in Güstrow; der Verleger und der Typograph in Hamburg. Barlach ist einer der wenigen bildenden Künstler unseres Jahrhunderts, der im Osten wie im Westen Anerkennung findet.

Barlach hatte verhältnismäßig spät, gegen 1912, mit Graphik begonnen. Die Anregung war von außen, von seinem Kunsthändler und Verleger Paul Cassirer, gekommen, der ein lithographisches Werk für die "Panpresse" von ihm haben wollte. Barlach entschloß sich damals, sein eigenes "Drama", Der Tote Tag, zu illustrieren, wobei er freilich das "Drama" nur "als Gerüst zur Aufreihung von Motiven" benutzte.

Auch die Illustrationen zu Gedichten von Goethe hatte Cassirer, im Jahre 1923, bei ihm "bestellt". Übrigens nicht nur bei ihm, sondern auch bei seinen anderen "Hauskünstlern" – bei Liebermann, Slevogt, Kokoschka, Hans Meid und Karl Walser – wobei jeder sich seine Lieblingsgedichte aussuchen sollte.