J. M., Wien, Ende Juli

Der Besuch der österreichischen Regierungsdelegation in Moskau war ein Intermezzo im weltpolitischen Drama. Zwischen Nahostkrise und Gipfelkonferenz gab es dabei im Kreml Lächeln und frohe Worte, Wodka ohne Tränen, die selbstsichere Behaglichkeit Bundeskanzlers Raab das skeptische Lächeln seines Staatssekretärs Kreisky und es gab dort die Scherze Mikojans und die Trinksprüche Chruschtschows.

Ein wenig war es wieder wie einst im Mai – in jenem Mai, als schon einmal eine Delegation aus Wien ohne allzuviel Hoffnung nach Moskau flog und erst am "großen Bahnhof" auf dem Flugplatz merkte, daß die Sowjets etwas "anzubieten" vorhatten. Damals war die große Ernte: der Staatsvertrag. Jetzt, 1958, konnte es nicht mehr sein als eine Nachlese, die Nach- und "Spätlese" der Koexistenz.

In Wien hatte man sich von diesem Besuch eine Ermäßigung der Reparationsleistungen versprochen, die Österreich bisher auf Heller und Pfennig bezahlt hat. Hier sind, die Sowjets Raab entgegengekommen: sie stimmten einer Herabsetzung der Öllieferungen auf 50 v. H. des jetzigen Umfangs zu. Zum zweitenmal ist es damit den Österreichern gelungen, eine "weltpolitische Welle" auszunutzen. Denn zweifellos wollte sich der Kreml durch sein Entgegenkommen ein Alibi für die bevorstehende Gipfelkonferenz schaffen, wollte beweisen, daß man durchaus mit der Sowjetunion reden könne ...

Im übrigen bedachte die sowjetische Presse den österreichischen Bundeskanzler, dessen Amtsführung zur Zeit der ungarischen Erhebung in Moskau scharf getadelt worden war, nun mit einer "Eins in Neutralität". In der Tat hat Wien ja gegen die amerikanische Luftbrücke Bundesrepublik – Libanon via Tirol sehr heftig protestiert und will nun auch Jäger einsetzen, um weitere Verletzungen des österreichischen Luftraumes zu verhindern.

Wenn aber die Prawda darauf hinwies, daß die wirtschaftliche Zusammenarbeit mit der Sowjetunion für Österreich von besonderer Wichtigkeit sei, da die westliche Welt in einer ökonomischen Krise stecke, so übersah sie, daß der Anteil des Rußland-Geschäftes am österreichischen Außenhandel seit dem Vorjahr von 2,5 v.H. auf 1,6 v.H. gefallen ist. Der Grund dafür ist nicht uninteressant: Die Moskauer Bürokraten scheinen einfach nicht zu begreifen, daß sie in Österreich nur dann verkaufen können, wenn sie sich um den Absatz kümmern. Sie verwechseln Handelsvertragskontingente mit tatsächlichen Lieferabschlüssen und lassen sich aus diesem bequemen Irrtum nur ungern aufscheuchen.