Wen interessieren schon künstliche Monde?

Lange Zeit galt es als ein Zeichen von romantischem Infantilismus oder gar von unerwünschtem Defaitismus, wenn man feststellte, daß sich das Wetter in den Breitengraden der Erde, die uns interessieren – da wir zufällig dort wohnen – geändert hat, und das, dem landesüblichen Geschmack nach, nicht zu seinem Vorteil.

Möglicherweise läßt sich von den großen Tabuisten, die ja niemals gerne wollen, daß "man darüber spricht", dieser Tatbestand noch so lange verschleiern, bis der letzte Augenzeuge ausgestorben ist, der kraft seiner Erinnerung Zeugnis dafür ablegen kann, daß früher tatsächlich auch in Deutschland im Sommer zuweilen die Sonne schien.

Die nächste Generation braucht dann wenigstens nicht mehr ihr Gewissen nach Gründen zu durchforschen, die die Menschen nördlicherer Breiten in dem einen Monat des Jahres, den sie für ihr Menschsein reserviert haben, unter den ach leider auch nicht mehr ewig blauen Himmel des Südens treiben. Vielleicht wird die jährliche Sonnendosis demnächst sogar vom Arzt verschrieben.

Aber die technischen Anstrengungen, die durch Zufall, Bequemlichkeit und strategische Erfordernisse von Anfang an leider in die falsche Bahn geraten sind, könnten selbst dann, wenn die Macht der Technik und die Vernunft der Menschen eines Tages dazu ausreichen sollten, nicht mehr zurückgelenkt werden, falls nicht die Sehnsucht am Leben gehalten wird durch ein unangefochten überliefertes Zeugnis: es gab hier einmal Sonne.

Wir haben zur Kenntnis genommen, daß die Zahl der künstlichen Monde, die die Erde umfliegen, sich wieder um einen (den Explorer IV), also von drei (Explorer 1, Vanguard, Sputnik III) auf vier vermehrt hat. Aber wer soll sich denn jetzt für künstliche Monde interessieren? Wo doch das, was uns so ganz offensichtlich fehlt, eine künstliche Sonne ist! Leo