Die recht begründete Kritik an der mangelnden politischen Neutralität des Deutschen Gewerkschaftsbundes und der ihm angeschlossenen Verbände hat in der Bundesrepublik das Thema "Einheitsgewerkschaft" erneut zur Diskussion gestellt. Wir baten unseren Korrespondenten in Rom, die unter diesem Aspekt besonders interessante gewerkschaftliche Situation in Italien zu skizzieren.

Als die Hauptstadt Italiens noch von deutschen Truppen besetzt war, kam am 3. Juni 1944 unter den alten Gewerkschaftlern der vorfaschistischen Zeit der sogenannte Rom-Pakt zustande. An jenem Sommertag versammelten sich in Rom als gleichberechtigte Partner die Exponenten der drei großen politischen und gewerkschaftlichen Strömungen – Christliche Demokraten, Sozialisten, Kommunisten –, um eine "freie und zur Einheit zusammengeschlossene Gewerkschaftsbewegung" zu gründen. Sie knüpfte an den alten Namen des 1906 ins Leben gerufenen Gewerkschaftsverbandes an und sollte sich fortan Confederazione Generale Italiana del Lavoro" (C.G.I.L.) nennen, "Allgemeiner italienischer Gewerkschaftsverband". Ein halbes Jahr später sanktionierte der in Neapel abgehaltene erste Kongreß der Gewerkschaften die Unabhängigkeit des Verbandes von jedweder politischen Partei".

Also eine für die Arbeitnehmer in jeder Hinsicht erwünschte Lösung! Wie anders die Wirklichkeit war, sollte sich indessen bald zeigen. Die kommunistischen Führer erhielten nach dem Rückzug der deutschen Wehrmacht einen entscheidenden Anteil an den schwachen italienischen Regierungen wie überhaupt an der Machtausübung in allen Bereichen – auch im neugegründeten Gewerkschaftsverband. Wie wenig sich die Sprecher des kommunistischen Flügels der Einheitsgewerkschaft (deren Mitgliederzahl in den ersten Jahren fünf Millionen überstieg) Von Beginn an um die "Unabhängigkeit des Verbandes" kümmerten, zeigen die angezettelten politischen Generalstreiks und Sabotagehandlungen. Für die nicht-kommunistischen Mitglieder wurde daher die gewerkschaftliche Zusammenarbeit bald unmöglich. Selbst die linkssozialistischen Mitglieder sagten sich vom Verband los.

Nach einer fast zweijährigen Übergangszeit kam der der ,Democrazia Christiana’ nahestehende Gewerkschaftsverband, die "Confederazione Italiana Sindacati Lavoratori" (C.I.S.L.) unter Führung des Christlichen Demokraten und gegenwärtigen Ministers Giulio Pastore zustande, während sich die sozialdemokratischen und republikanischen Arbeiter in der "Union Italiana del Lavoro" (U.I.L.) zusammenfanden. Beide Verbände betonen in ihren Satzungen nachdrücklich die Unabhängigkeit ihrer Organisationen von den Parteien. Seitdem gibt es in Italien drei große gewerkschaftliche Verbände.

Der große, nach wie vor kommunistisch gelenkte und durchsetzte Verband C.G.I.L., dem auch die Linkssozialisten der Nenni-Richtung angehören, hat sein Ansehen bei der Arbeiterschaft eingebüßt. Seine Streikaufforderungen und Streikparolen werden nur noch von einer – zwar starken – Minderheit ernst genommen. Die Mitgliederzahl (zuletzt von der Verbandsleitung mit vier Millionen angegeben) ist erheblich zurückgegangen, und die vor einigen Monaten gemachte Feststellung des Generalsekretärs der christlich-demokratischen C.I.S.L. Pastore, sein Verband habe in den acht Jahren selbständigen Operierens die einst große C.G.I.L. an Mitgliederzahl übertroffen, ist symptomatisch.

Die Arbeiter kämpfen nunmehr an drei getrennten Fronten, um ihre Lohn- und Arbeitsbedingungen durchzusetzen. Der Abschluß kollektiver Arbeitsverträge, der den Gewerkschaften in Art. 39 der Verfassung zugestanden ist, wird immer schwieriger und macht vor allem die Festsetzung von Mindestlöhnen fast unmöglich. Das "Kontrahierungsvermögen" der Gewerkschaften ist infolge der Zerstörung der Gewerkschaftseinheit empfindlich geschwächt.

Da die Arbeitnehmer nicht zu ihrem Recht zu kommen glauben und die geforderten einheitlichen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen ausbleiben, hat die Gewerkschaft ihren eigentlichen Sinn in Italien zu einem guten Teil eingebüßt. Besonders die kommunistisch dirigierte C.G.I.L. verliert zusehends an Vertrauenskapital. Da anderseits die Arbeitgeber und Arbeitnehmer einen modus vivendi erreichen müssen, werden einfach zahlreiche, den Gewerkschaften obliegende Aufgaben an der Spitze nicht mehr angepackt. Sie werden dann zwangsläufig in die einzelnen Betriebe verlagert‚ wo sich die sogenannten "inneren Ausschüsse" der Belegschaften ihrer annehmen und mit den Betriebsleitungen die für beide Teile bestmöglichen Lösungen zu treffen suchen. Die Folgen dieser Praxis sind der Volkswirtschaft meist abträglich. Sie begünstigen eine Senkung des Lohnniveaus und schmälern damit die Konsumkraft der erwerbstätigen Bevölkerung – mindestens drei Viertel der Erwerbstätigen sind Arbeitnehmer! –, wenn auch im ganzen gesehen das Reallohnniveau in den letzten Jahren etwas gestiegen ist.

Die Spaltung der italienischen Gewerkschaften hat sich als Übel erwiesen. Dies wird mehr oder weniger von den Sprechern aller Verbände zugegeben. Gerade die Verantwortlichen, die kommunistischen Führer, rufen laut, wenn auch vergebens, nach Abhilfe, d. h. nach der verlorenen Gewerkschaftseinheit. Aber die Aussichten sind während des immer weiter schreitenden Schrumpfungsprozesses des kommunistischen Verbandes gering. Es ist das Bestreben der mit der C.G.I.L. in Wettbewerb stehenden Verbände (der C.I.S.L. und der U.I.L.), den einst mächtigen kommunistischen Verband auszuhöhlen und darauf eine neue Gewerkschaftseinheit aufzubauen. Richard Wichterich, Rom