Nach den jüngsten – teilweise beträchtlichen – Kurssteigerungen bei den Elektro- und Chemie-Aktien beginnt man in den Börsensälen mit noch größerem Eifer nach sogenannten „Zurückgebliebenen“ zu suchen. Dabei stößt man natürlich sofort auf die Montanaktien, die noch weit unter den in 1955 erreichten Höchstkursen liegen. Die undurchsichtige Auftragslage in der Stahlindustrie sowie die noch immer steigenden Kohlenhalden hemmten jede nachhaltige Unternehmungslust, obwohl sich hier Renditen erzielen lassen, die sonst nirgends mehr geboten werden. Nach allgemeiner Börsenmeinung sollten Montanaktien nach Möglichkeit nicht mehr abgegeben werden, denn mit weiteren Kursrückgängen ist kaum mehr zu rechnen. Die Kurse eskomptieren nämlich alle ungünstigen Momente schon ausreichend. So liest man es nahezu in jedem Börseninformationsdienst und deshalb ist es auch kein Wunder, wenn zu Beginn dieser Woche auf dem schwerindustriellen Börsensektor lebhafte Meinungskäufe vorgenommen wurden, die angesichts der Marktenge zu steigenden Kursen geführt haben. Favoriten blieben die Rheinstahl-Aktien, denen selbst bei 202 v. H. noch Gewinnchancen zugesprochenwerden. Die Rheinischen Stahlwerke sind ein Unternehmen, das nicht nur auf Eisen, Stahl und Kohle angewiesen ist, sondern darüber hinaus über wertvolle Interessen im Chemiebereich verfügt.

Den IG-Farben-Nachfolgern kamen in den vergangenen Tagen die Auslandskäufe zugute. Das Kursniyeau ist so gefestigt, daß Tauschoperationen der Spekulation zugunsten der Montane kaum spürbar wurden. Das gleiche gilt für die beiden Groß werte des Elektromarktes AEG und Siemens. Die Siemens-Aktien machten in der zurückliegenden Woche einen großen Sprung nach oben. Die Börse vermutete, daß die Gesellschaft in absehbarer Zeit mit, einem Bezugsrecht herauskommen wird (und sprach von 3:1 zu 100 v. H.). Natürlich darf man den Wert solcher Versionen nicht überschätzen, doch ist schon manches Gerücht (trotz Dementi) später Wirklichkeit geworden.

Die seit Monaten im Gespräch befindliche Kapitalerhöhung bei der Bayerischen Vereinsbank (2:1 zu 120 v. H.) hat sich nun bestätigt. Bei der Bayerischen Hyp.- u. Wechselbankist im nächsten Jahr wahrscheinlich ein ähnliches Bezugsrecht zu erwarten. Und auch die Commerz-Bank-Gruppe wird in 1959 kaum umhinkommen, ihr Kapital dem gewachsenen Geschäftsumfang anzupassen. Zunächst dürfte sich hier jedoch entscheiden, wie die endgültige Organisationsform der Gruppe aussehen wird. Auf alle Fälle: In den Bankaktien steckt noch sehr viel „Phantasie“, die sich nicht nur auf Kapitalerhöhungen (fällig insbesondere bei den Hypothekenbanken), sondern auch auf die Dividenden erstreckt. Ob diese Faktoren in den heutigen Kursen schon ausreichend berücksichtigt sind, steht auf einem anderen Blatt.

Bei der Verschiebung des Kursniveaus der Aktien nach oben ist zu berücksichtigen, daß mit dem Sinken des Anleihezinses die Bedeutung der Aktienrendite – wächst. Die Nachfrage nach den 6prozentigen Anleihen ist so groß, daß man mit einem einigermaßen ruhigen Gewissen bis zum Jahresende einen Anleihezins von 5 1/2 v. H. prophezeien kann. Die gemeinnützige Wohnungswirtschaft geht in ihren Prognosen sogar noch einen Schritt weiter und hält einen 5prozentigen (tarifsteuerpflichtigen) Pfandbrief in absehbarer Zeit für durchaus möglich.

Bei 6prozentigen Pfandbriefen – wie sie gegenwärtig ausgegeben werden – entstehen Hypothekenzinsen von 6,5 äußerstens 6,7 v. H., bei einer Auszahlung von z. Z. 96 v. H. mit Tilgungsstreckung 98 v. H. Auf der Basis von 5 1/2sproz. Pfandbriefen sind Hypotheken zum Zinssatz von 6 bis 6 1/4 bei 90 bis 91 v. H. Auszahlung möglich. 5proz. Pfandbriefe werden die Bedingungen für die Bauherren noch verbessern, so daß von den Finanzierungskosten her ein Druck auf die Baupreise erfolgt. Leider ist es jedoch so, daß dieser Druck durch die steigenden Bodenpreise mehr als kompensiert wird. Immerhin rechnet man damit, daß der Hypothekenbedarf in nächster Zeit ansteigen wird. Damit ist jedoch nicht gesagt, daß dadurch der Zinssenkungsprozeß auf dem Pfandbrief-Gebiet schon abgeschlossen ist. Aber man kann damit rechnen, daß die Realkreditinstitute, die in den letzten Monaten Wertpapiere für ihre Ersatzdeckung erwerben mußten, diese Bestände nach und nach wieder in den Markt einschleusen. Aber eine Wirkung auf die Kurse der betreffenden Werte ist kaum zu erwarten, denn der Markt deckt die Nachfrage gegenwärtig nicht im entferntesten. Kurt Wendt