Daß so große Unterschiede im Denken, Handeln und Reden, wie sie zwischen den echten Bayern und allen nördlicheren deutschen Stämmen bestehen (im Lande der Bajuwaren summarisch „Preußen“, auch „Ausländer“ genannt), nicht auf bloßen Launen oder Schrulligkeiten, sondern auf tiefen Wesensgegensätzen beruhen, haben verständigungsbereite Nichtbayern seit längerem eingesehen. Die Bayern wußten es schon immer. Aber die „andern“ gaben sich lange dem Irrtum hin, der sprichwörtliche bayerische „Preußenhaß“ sei vor allem, oder gar ausschließlich, ein Produkt politischer Verhetzung, vielleicht auch ohnmächtigen Neides auf nordische Tüchtigkeit, Fixigkeit und „Größe“.

O mei! kann ich da nur auf gut bayerisch sagen. Neidisch sollen die Bayern sein auf allerlei Dinge, die sie gar nicht haben wollen, die sie empfindlich stören würden, wenn man sie ihnen aufzwänge! Nein, den „Haß“ auf die „Preußen“ hat es in dieser Sinndeutung bei ihnen nie gegeben. Nur die heftige Abwehr dagegen, wenn das fremde Wesen ihnen zu eng auf den Leib rücken wollte, wenn es so laut und selbstbewußt auftrat, daß es sich nicht mehr ignorieren ließ. Denn freilich gibt es nichts, was dem richtigen Bayern wesensfremder, unsympathischer und „blöder“ erschiene als Aufdringlichkeit, „Angabe“, Dünkel, Vornehmgetue (nicht echte Noblesse!) und Betriebsamkeit jeder Art, kurz: alles 54 Penetrante.

Wäre es mit der legendären Preußenfresserei anders bestellt, so könnte man sich schwer erklären, warum so viele Preußen in Bayern heimisch werden und, einmal hier niedergelassen, gar nicht wieder fort mögen. Sie gäben manchmal viel darum, wenn ihnen jemand verriete, wie sie es anfangen sollten, um die mißtrauisch abwartenden Bayern zu schnellerer Gegenliebe zu bewegen, ohne wiederum gerade durch den Effekt der Aufdringlichkeit schief anzukommen.

Solchen „verschämten Nichtbayern“ bietet ein Zugereister Preuße seine Hilfe an:

Georg Lentz: „Leitfaden für Preußen in Bayern.“ Econ Verlag, Düsseldorf. Zeichnungen von Regine Ackermann-Ophüls. 196 S., 9,80 DM.

Der Ratgeber spricht aus Erfahrung und aus Liebe zur Sache: der Sache brüderlicher Annäherung. Und er spricht so, daß ihn beide Parteien akzeptieren können. Vor allem nicht mit jener Sorte von Humorigkeit, die den Bayern als mehr oder weniger komische Figur gegenüber dem ernstzunehmenden Preußen erscheinen läßt, sondern mit dem lächelnden Wahrheitssinn, der auf beiden Seiten das Ernste wie das Komische sichtbar macht. Das Buch ist also kein Reiseführer für Eroberer des deutschen Südens. Es wirbt vielmehr auf unterhaltsame Art für das tiefere Verständnis eines schönen, alten Kulturlandes und seiner liebenswerten Bevölkerung.

In einem irrt auch der preußische Wahlbayer Lentz: er hält blau-weiß für die bayerischen Landesfarben. Sie sind aber weiß-blau (und nur „Preußen“ könnten finden, das sei kein Unterschied). Walter Abendroth