Von Robert Strobel

Bonn, Anfang August

Der italienische Ministerpräsident Fanfani ist mit konkreten, wohldurchdachten Vorstellungen auf die Reise gegangen. So wurde er denn auch in Washington und in London aufmerksam angehört, im Regierungslager wie bei der Opposition. Und zuletzt hat der Bundeskanzler dem Reisenden aus Rom seine ganze Aufmerksamkeit geschenkt, als dieser, sein vierter prominenter Gast innerhalb einer Woche, ihm darlegte, wie sich die Vorstellungen der amerikanischen und englischen Staatsmänner seit seinem Gespräch mit Foster Dulles entwickelt haben.

Der Westen ist nun entschlossen, falls es zu eher Gipfelkonferenz kommt, das Nahostproblem in seiner ganzen Breite aufzurollen. Diese Absicht mag der Bundeskanzler nicht ohne Sorge betrachten, weil sich der Westen noch immer nicht zu einem einheitlichen, klaren; Plan für eine wirksame Nahestpolitik durchgerungen hat. Die Vorstellungen Fanfanis könnten aber dazu einen gewichtigen Impuls geben. Der Bundeskanzler stimmte ihnen im wesentlichen zu.

Fanfani schlägt ein Abkommen im Rahmen der Vereinten Nationen vor, das die gegenwärtigen Grenzen im arabischen Raum garantieren und diese Länder gegenseitig verpflichten soll, sich nicht in des anderen Angelegenheit einzumischen. Die Einhaltung eines solchen Abkommens könnte von den wichtigsten westlichen Mächten und der Sowjetunion verbürgt werden. Gleichzeitig solle eine Wirtschaftshilfe an die arabischen Länder unter deren Mitbeteiligung vereinbart werden. Die Garantiemächte sollen einen Fonds schaffen, der von ihnen unter Kontrolle der Vereinten Nationen verwaltet werden könnte. Aus ihm soll die Wirtschaftshilfe an die arabischen Länder gespeist werden. Für den Fall, daß das politische Abkommen nicht respektiert werden sollte, würden die Garantiemächte berechtigt sein, wirtschaftliche Sanktionen gegen das vertragsbrüchige Land zu ergreifen.

Damit wäre auch die Existenz Israels garantiert. Die Eingliederung der arabischen Flüchtlinge könnte durch Subventionen aus jenem Fonds wesentlich erleichtert werden. Der arabische Nationalismus könnte so mit der Zeit in ruhigere Gewässer gelenkt werden. Ein Staat wie die neue irakische Republik, die ja nun auch vom Westen anerkannt ist, könnte, von gewissen Angstvorstellungen befreit, nüchtern darüber nachdenken, ob eine solche Sicherung der Selbständigkeit den eigenen Interessen nicht besser entspräche als ein gefühlsbeschwingtes, aber finanziell gerade für dieses ölreiche Land nachteiliges Streben nach Vereinigung mit ärmeren Schwesterstaaten. Die Sowjetunion könnte sich als Garantiemacht nicht mehr länger heuchlerisch als Beschützer des arabischen Freiheitsstrebens aufspielen. Sollte noch, wie aus Washington verlautet, zu jenen Vorschlägen ein amerikanischer hinzukommen, der das gesamte Nahostgebiet zwischen den beiden Militärblöcken zu neutralisieren beabsichtigt, dann ginge der Westen mit einer wohl vertretbaren Konzeption zu der Nahostkonferenz.

Sollte aber Chruschtschow einen solchen klaren Befriedungsplan torpedieren, dann wären seine wahren Absichten auch für naive Gemüter enthüllt. Vieles spricht dafür, daß er an der Fortdauer der Unruhe im Nahen Osten ein Interesse hat. Damit sind die Grenzen des für den Westen auf einer Gipfelkonferenz Erreichbaren abgesteckt.