J. K., Paris, Anfang August

Es ist zweifelhaft, ob die europäischen Minister, Staatsbeamten und Funktionäre der OEEC, die in der vergangenen Woche der Aussprache des Ministerrates des Europäischen Wirtschaftsrates (OEEC) über die europäische Konjunkturlage beiwohnten, sich wirklich ein klares Bild über den gegenwärtigen Stand der Konjunktur in den Mitgliedstaaten und ihre voraussichtliche Entwicklung in den nächsten Monaten machen konnten. Das Konjunkturbild weist nämlich verschiedene Farben auf, je nach den Ländern, die unter die Lupe genommen werden. Außerdem drängt sich der Gedanke auf, daß die amerikanische Rezession für manche internen Übelstände in diesem und jenem Lande zu Unrecht verantwortlich gemacht wird, kurz, daß diese amerikanische Rezession, von der übrigens der amerikanische Delegierte erklärte, daß sie ihren Tiefpunkt erreicht habe und im Abflauen begriffen sei, „einen guten Rücken“ habe, wie sich der Franzose ausdrückt, wenn er einem anderen die Schuld für eigene Sünden in die Schuhe schieben will.

Tatsache ist, daß in erster Linie die Rohstoffländer infolge der Baisse der Rohstoffpreise am meisten durch den amerikanischen Konjunkturrückgang in Mitleidenschaft gezogen wurden und noch werden. Es sind innerhalb der OEEC also die Länder, die als „unterentwickelt“ bezeichnet werden und die also mehr oder weniger permanent Gegenstand von Stützungsaktionen oder sonstiger Maßnahmen durch die europäische Wirtschaftsorganisationen sind. Es sind also vor allem die Commonwealth-Länder, was verständlich macht, daß die britische Initiative für die Einberufung dieser Ministerratstagung vorherrschend war.

Ohne Zweifel hat Großbritannien die Rückwirkungen der amerikanischen Konjunkturflaute am stärksten von allen großen OEEC-Staaten verspürt. Schatzkanzler Amory hat darum auch zugegeben, daß die englische Regierung gezwungen war, der Wirtschaft eine „leichte und vorsichtige re-inflatorische Spritze“ zu geben. Er hat aber auch zugegeben, daß die Krankheitssymptome nicht in allen Ländern die gleichen sind und daher auch nicht überall die gleichen Medikamente verwendet werden sollten.

Vor der Ratssitzung gingen Gerüchte über eine englische Denkschrift zur Wirtschaftslage um – und während der Ratssitzung über einen englischen Plan der Schaffung eines Kreditfonds zur Unterstützung der von der Rezession besonders betroffenen Länder. Ratspräsident Amory hat alle diese Gerüchte dementiert, ohne bei den Journalisten vollen Glauben zu finden. Man hat starken Grund zu der Annahme, daß die englische Regierung die Zeit für die Ergreifung, einer Initiative zur gemeinsamen Bekämpfung einer europäischen Konjunkturflaute noch nicht für gekommen betrachtete und darum auch alle diesbezüglichen Projekte wieder in der Schublade verschwinden ließ. Alle Welt im Château de la Muette in Paris war sich einig, daß vorerst jeder Staat mit eigenen Mitteln im eigenen Hause nach dem Rechten sehen solle und nur darauf bedacht sein müsse, mit diesen eigenen Mitteln seinen oder seine Nachbarn nicht zu stören, wie es übrigens die „Politik der guten Nachbarschaft“ will, die die OEEC seit ihrem Bestehen im großen und ganzen doch mit Erfolg betrieben hat. Wieder auf englische Anregung ist für Oktober oder November eine neue Ratssitzung in Aussicht genommen worden, in der sich vielleicht die Temperatur der europäischen Wirtschaft wird besser ablesen lassen.