Idee hin – Idee her. Was die Realität und zugleich die Attraktivität der Salzburger Festspiele ausmacht, das zeigte aufs glänzendste die Aufführung des „Don Carlos“ von Verdi durch das Triumvirat Herbert von Karajan, Gustaf Gründgens und Caspar Neher mit einem Ensemble ausnahmslos hochkultivierter Sänger und Sängerinnen (in der Felsenreitschule). Es war eine blendende Demonstration summierter Meisterschaft. Die außerordentliche Kunst Karajans, eine Theatermusik par excellence klanglich transparent zu halten, feierte hier wahre Triumphe, Nicht weniger seine überlegene Art, die vox humana gleichzeitig präzis zu steuern und sich doch frei ausschwingen zu lassen.

Cesare Siepi (ein Philipp II. ohne die übliche Satanisierung), Eugenio Fernandi (ein fast zu edelgemäßigter Don Carlos), Ettore Bastianini (Posa echt schillerscher Prägung), Sena Jurinac (eine Elisabeth von großem Liebreiz), Giulietta. Simionato (Prinzessin Eboli von ereignishaftem Format) waren die wichtigsten Mitwirkenden. Dem Szenenbeschwörer Gründgens bot die riesige Simultanbühne die Möglichkeit, effektvolle Massengliederungen bis an die Grenze der „Revue“ (beim Autodafé über diese Grenze hinweg!) auszubreiten. Wenn er dafür die zweite Werkhälfte mit einer Folge um so feinerer und stillerer Ausdrucksnuancen zu füllen wußte, so war der dadurch gegebene gewisse Stilbruch in der nicht durchweg glücklichen Dramaturgie des Textbuchs begründet. Der Gesamteindruck kam einer Sensation gleich.

Aus ganz anderen Kräften lebte die Aufführung der „Arabella“ (Spielleitung Rudolf Hartmann), der Josef Keilberth am Pult alle Wärme seines noblen Musiziertemperaments verlieh, während neben den süperben Stimmen der Lisa della Casa (Titelrolle), Anneliese Rothenberger (Zdenka) und Dietrich Fischer-Dieskau (Mandryka) ein völlig unzulänglicher Matteo (Kurt Ruesche) figurierte.

Der „Figaro“ unter Böhm und „Fidelio“ in Karajans musikalischer und szenischer Gesamtregie runden das diesjährige Opernprogramm. Franz Werfels dramatische Historie „Juarez und Maximilian“ im Schauspiel, die Reihe repräsentativer Konzerte (Karl Böhm, Wolfgang Sawallisch, George Szell, Dimitri Mitropoulos, Eugen Jochum, Karajan, Keilberth), Veranstaltungen des Mozarteums und des Domchors vervollständigen in gewohnter Weise das überreiche, festliche Kunstpanorama.

Von offizieller Seite wurde gesagt, die Salzburger Festspiele sollten wieder zu einem „gesellschaftlichen Ereignis“ werden, an welchem teilzunehmen Ehrensache für jeden „Prominenten“ des Kulturlebens wäre. Ob darin eine neue Idee liegt, mag bezweifelt werden. Vielleicht wäre eine solche genau in umgekehrter Richtung zu suchen: weniger Repräsentanz, mehr – innere Linie; weniger „Gesellschaft“ (nicht einmal Reisegesellschaft ...), mehr Gemeinde! Die Prominentenbörse scheint uns viel eher die ernsteste Gefahr als das erstrebenswertste Ziel zu sein.