Von René Drommert

Natürlich hatten wir geglaubt, das russische Ballett zu kennen. Aber wir kannten in Wirklichkeit nicht das „russkij balet“, sondern nur das „ballet russe“: die französische Spielart, jene mächtige Gruppe, die sich 1909, mit Sergej Diaghilew an der Spitze, in Paris niederließ und an die sich so glänzende Namen wie Anna Pawlowa, Tamara Karsawina, Michail Fokin, Waslaw Nijinskij und Sergej Lifar knüpften. Und Igor Strawinskij – mit seinen Balletten Feuervogel, Petruschka, Sacre du Printemps, Pulcinella.

Viele waren geneigt, diese Filiale der russischen Ballettkunst mit der „Muttergesellschaft“ in Petersburg gleichzusetzen oder zu verwechseln. Das war schon deshalb falsch, weil die Pariser Russen sich mit französischen Malern, Librettisten und Komponisten vielfach liierten, mit Picasso, Matisse, Derain, Cocteau, Ibert, Satie und anderen. Die Symbiose der Nationen feierte in diesem Kreis Orgien – wenn man diese Metapher auf dem Gebiet des Balletts gebrauchen darf: dort, wo soviel Ordnung, Zucht, Strenge, Hartnäckigkeit und Ausdauer herrschen.

Um so wichtiger ist es für uns, jetzt das originale russische Ballett zu sehen. Es ist das Ballett des Moskauer Großen Theaters, auf russisch: Bolschoi teatr. Mit Direktor Michail Schulaki an der Spitze und mit der für uns bisher fast legendär gewesenen Ballettmeisterin und Prima ballerina assoluta Galina Ulanowa hat es in den letzten Wochen an zwei Brennpunkten etwas hektischer Veranstaltungen gastiert, im Brüssel der Weltausstellung und im München der Achtjahrhundertfeier. Zur Zeit tritt es in der Hamburgischen Staatsoper auf, und zwar bis zum 8. August.

Wieso, mag man erstaunt fragen, ist es möglich, wenn es sich um die Unterscheidung von russischer Ballettkunst in und außerhalb Rußlands handelt, Paris von 1909 nicht mit Petersburg von 1909 zu vergleichen? Wird hier die zaristische Kapitale an der Newa mit der bolschewistischen Hauptstadt an der Moskwa verwechselt?

Vielleicht ist in der Geschichte der neuzeitlichen Tanzkunst Europas kein Kapitel so aufregend wie die – plötzliche Zurückhaltung der Umstürzler vor dem Ballett. Die französische Revolution, die die Gesellschaftsordnung auf den Kopf gestellt und die Egalité und Fraternité proklamiert hat, hat vor der Ballettkunst kapituliert, die aus der absolutistischen Ordnung kam und jahrhundertelang stolze Repräsentation der splendidesten europäischen Höfe gewesen war, nicht zuletzt in Versailles unter Ludwig XIV.

Fünf Vierteljahrhunderte später ereignete sich dasselbe in Rußland. Mit dem Jahre 1917 wurde das gesamte Leben der Nation umgekrempelt. Die schneidend scharfen Peitschenhiebe der Revolution trafen nicht nur das Zarentum, die Vorherrschaft der Kirche, den Adel, den Großgrundbesitz. Noch in kleinsten Widerstandsnestern stöberte man konservative Gesinnung auf und jagte zum Beispiel das „Jatj“ (das dritte E) und sogar noch den Punkt über dem I (das sogenannte I s totschkoi) zum Teufel.