Von Martin Beheim-Schwarzbach

Wir wollen anläßlich eines Romans, von dem gleich die Rede sein soll, keine melancholischen Betrachtungen über den Eisernen Vorhang und über die weltenferne Trennung zweier deutscher Literaturen anstellen; es ist vielmehr zu melden, daß entgegen dem Zeitgesetz, welches die deutsche Literatur strikt in West und Ost scheidet, hier von einem Roman die Rede sein soll, bei dem dies nicht der Fall ist. Der Roman von

Karl Zuchardt: „Wie lange noch, Bonaparte?“; Mitteldeutscher Verlag Halle a. d. Saale; westdeutsche Ausgabe: Maximilian Dietrich Verlag, Memmingen i. Allgäu; 690 S., 16,80 DM,

ist also auch in der Bundesrepublik zu haben, so daß man sich davon überzeugen kann, daß es zeitgenössische Bücher, und zwar gute, gibt, die „drüben“ erscheinen, nicht nur zeitlose, tantiemenfreie Klassiker, die allerdings den Hauptraum einnehmen, und auch, erstaunlich zu sagen, nicht nur Kolchosen-Epik und Traktoren-Lyrik. Freilich spielt die etatistisch vorgeschriebene Gebrauchsliteratur dennoch die Hauptrolle, und von einer freien Literatur kann nicht die Rede sein. Die gibt es nicht, und auch ein gutes und nicht staatlich und parteiamtlich gegängeltes Buch wie das hier genannte trägt Spuren. Keine schmerzhaften oder krampfigen in diesem Falle; die „Stimme des Volkes“, die auf der letzten, allerletzten Seite denn doch endlich ausdrücklich zum Ruf kommt, fügt sich dem Thema immerhin zwanglos ein und schrillt keinen Mißton – man kann den Autor beglückwünschen, daß es sich so prächtig macht.

Karl Zuchardt, von dem vor vier Jahren ein Fridericus-Roman mit dem Titel „Der Spießrutenlauf“ erschien, dessen sechzigstes Tausend vergriffen ist, was ganz gewiß nicht gegen seine Verdienstlichkeit spricht, deren Natur wir uns wohl denken können – Karl Zuchardts neuer Roman handelt von einem General namens Malet, einem unnachgiebigen Republikaner, der im Jahre 1812, als der Stern des Korsen im russischen Schnee zu sinken begann, zu Paris einen Statsstreich gegen Napoleon unternahm. Die Geschichte dieser Verschwörung ist mit politischer Akribie und vielerlei privater Ausschmückung sehr sorgfältig und ausführlich dargestellt: es entstehen Charakterbilder, die einleuchten und sich einprägen: teils erfundene, die die wenig bonapartefreundliche Stimmung im Frankreich jener Tage spiegeln, eine Stimmung, die man, auch ohne parteiisch zu sein, als äußerst düster annehmen darf – teils historisch überlieferte, nämlich die Porträts Talleyrands und Fouchés, für die die bekannten Konturen noch einmal scharf profiliert nachgezeichnet werden.

Die fast siebenhundert Seiten dieses napoleonischen Zeitromanes sind üppig und prall mit Geschehen und Gesprächen ausgefüllt. Sie sind nicht dichterisch gestaltet in dem Sinne, daß die Sprache blüht und die Szenen zu Symbolen werden; sie stellen eher eine großangelegte Reportage dar, die von harten, nackten Tatsachen handelt und von routinierter Meisterhand mit ebenmäßig kräftigem Tempo aufgezeichnet wird. Die handelnden Figuren sind eher Typen als Menschen, was einem Naturgesetz des historischen Romans zu entsprechen scheint. Ein guter, eindrucksvoller Griff ist das Motiv, unter dem die Verschwörung, zu Dreivierteln gediehen, scheitert: die unvorhergesehene, unvorhersehbare Kleinigkeit, das menschliche Versagen während einer einzigen Sekunde. Das Schicksal der Welt hing auch hier an einem hauchdünnen Fädchen.

Der Autor verschmäht es mit Recht, hieran ausdrückliche Betrachtungen zu knüpfen, und überläßt dieses naheliegende Geschäft dem Leser. Nein, er denkt nicht daran, die Parallele zu dem Größenwahnsinnigen, dem bösen Narren zu ziehen, der die Geschicke Deutschlands ein Dutzend Jahre lang lenken dürfte. Wäre doch solch eine Parallele mit dem Korsen, der immerhin ein großer Feldherr und bedeutender Gesetzgeber war, ohnehin wegen ihrer Unangemessenheit nur ärgerlich. Aber die Schilderung einer militanten Diktatur kann nicht anders, als in Deutschland schlimme Erinnerungen heraufbeschwören, und der Autor versteht es ausgezeichnet, diese zwanglos in sein Instrumentarium hineinklingen zu lassen, so daß ein voller und deutlicher Ton entsteht.