Beirut, Anfang August

Der neugewählte Staatspräsident des Libanon, General Fuad Schehab, tritt ein schweres Erbe an – wobei es freilich im Augenblick noch ganz dahinsteht, wann er es antreten wird, denn Schamuns Wahlperiode läuft theoretisch erst am 24. September ab. Einstweilen ist es noch fraglich, ob Schamun vor diesem Termin von seinem Posten zurücktreten wird.

Sollte er sich nicht dazu entschließen, so wird die libanesische Opposition nach den jüngsten Erklärungen ihres Anführers Salem in ihrem Widerstand verharren, ohne die Waffen niederzulegen und den Streik abzublasen. So sind denn alle Anstrengungen in Beirut gegenwärtig darauf gerichtet, eine Ausgleichsformel zu finden, die es allen Beteiligten gestattet, ihr Gesicht zu wahren.

Eines darf als sicher gelten: Wenn Schehab die Zügel in die Hand nimmt, wird die jetzige Regierung zurücktreten und einem Kompromiß-Kabinett Platz machen müssen, das sich vermutlich zum größten Teil aus Neutralen zusammensetzen wird. Ganz gewiß wird die Opposition den Kopf des Ministerpräsidenten Samt Solh und des Außenministers Charles Malik verlangen. Solange diese beiden Politiker, die neben Schamun als die Repräsentanten der pro-westlichen libanesischen Politik betrachtet werden, im Amt bleiben, wären die Chancen für einen innenpolitischen Ausgleich im Libanon nur gering.

Mit der Erklärung, der Abzug der amerikanischen Truppen aus dem Libanon sei sein oberstes Ziel, hat Schehab einer Hauptforderung der Opposition inzwischen Genüge getan. Es leuchtet daher nicht recht ein, weshalb die Vereinigten Staaten ihre Landungseinheiten am vergangenen Wochenende erneut um 4000 Mann verstärkt haben.

Die Entwaffnung der Bevölkerung ist ein weiteres Problem, mit dem Schehab fertig werden muß. Im Libanon finden sich heute nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem flachen Lande erschreckende Mengen von Waffen in allen möglichen Händen. Daß es auch an Munition nicht mangelt, beweisen die dauernden Schießereien in Beirut zur Genüge. Die meisten dieser Waffen werden sicherlich den Augen der Obrigkeit entzogen und versteckt werden. Schehab jedoch muß, wenn Ruhe und Ordnung im Lande wieder einkehren sollen, unbedingt darauf drängen, daß alle politischen Gruppen ihre Arsenale ausräumen. Eine schier hoffnungslose Aufgabe.

Nach der Wahl des Generals zum Präsidenten ging eine Welle der Erleichterung durch Beirut. Denn mögen auch die vor Schehab liegenden Schwierigkeiten groß sein, die Menschen in der libanesischen Hauptstadt haben das kriegerische Treiben und den ewigen, Ausnahmezustand satt. So satt, daß es den Politikern – selbst wenn sie es wollten – schwerfallen dürfte, die Spannung aufrechtzuerhalten. H. A. R. Philby