Augenzeugen-Bericht aus dem revolutionären Irak

Von Klaus Harpprecht

Nach Tagen ungeduldigen Wartens im heißen Damaskus, nach endlosen Palavern in Flugbüros, nach dutzendfachen Erkundigungen, ob der Weg über die Grenze frei sei, kam endlich die Chance: Man bot mir einen Sitz in einer syrischen Militärmaschine an, die nach Bagdad fliegen sollte. So wurde ich einer der ersten Augenzeugen aus dem Westen, denen der Sprung über die Wüste nach dem Irak gelang, wo sich die Revolution gerade ausgetobt, jedoch noch nicht beruhigt hatte.

Auf dem Flugplatz von Bagdad staute sich eine erregte Menschenmenge, als wir landeten. „Lang lebe Nasser! Lang lebe Nasser!“ Diese Schreie galten dem ägyptischen Abgeordneten Dr. Faud Galal, der gerade zu ersten Verhandlungen mit dem revolutionären Bruderstaat eingetroffen war. Beklommen stolperte ich die schmalen Eisenstufen der Gangway hinab. Brütende Hitze und orkanartig die Rufe: „Nasser, Nasser, Nasser! Republik ... Freiheit!“

Tumult im Palais des Paschas

Drinnen, in der Stadt mit ihrer grauen Würfelarchitektur, die das Öl bezahlte, fand ich mich plötzlich an eine Kalkwand gedrückt: Das Volk von Bagdad tobte an mir vorbei und zog lachend und johlend zum Palast des „großen Pascha“, des Nuri es-Said, der mehr als vier Jahrzehnte mit harter Faust, mit erbarmungsloser Nüchternheit Und genialer List das Land regiert hatte. Ich fand sein Haus aus gelbem Klinker inmitten eines Parks, dessen Bäume kein Grün mehr trugen, sondern dicken, grauen Staub. Vor dem Portal brodelten die Massen: Weiber im schwarzen Umhang, Männer im schäbigen Turban, Schwärme grölender Kinder. Sie drangen ins Gebäude, ohne daß die Wachen es ihnen verwehren konnten, strömten durch leere Säle, Schlafräume, Zimmer. Ein alter Mann hielt in einem Badezimmer inne Und versuchte, die letzten Kacheln aus der Wand Zu lockern. Im Vorhof, am Springbrunnen, wusch sich ein erschöpfter Bilderstürmer die Füße. In der Garage stand noch der schwere amerikanische Wagen, zusammengesackt, die Reifen durchschossen, das Innenleder zerfetzt, der Kofferraum von Schußgarben durchlöchert. Die Spuren von Geschoßeinschlägen waren aber vor allem im Arbeitsreume des siebzigjährigen Premiers zu sehen, wo eine Stahltruhe mit einem Bazooka-Schuß geöffnet worden war; die eingeschlossenen Dokumente dürften an dieser Schlosserarbeit zugrunde gegangen sein.

Die Menge tollte durch die verwüsteten Räume; eine Orgie des Gaffens, der Zerstörung; und doch nur ein Nachhall des blutrünstigen Tumults, der durch die Stadt gerast war.