Über der Auseinandersetzung des Westens mit dem ägyptischen Staatspräsidenten Nasser droht das Kernproblem des Nahen Ostens, der israelisch-arabische Gegensatz, in Vergessenheit zu geraten. Bisher sind noch alle Bemühungen um einen Ausgleich zwischen Israelis und Arabern gescheitert. Die Gründe dafür – Gründe, die auch auf einer eventuellen Nahostkonferenz nicht außer acht gelassen werden können – sind in dem nachfolgenden Artikel aufgezeigt.

Zwei Gegensätze vor allem haben sich bisher als unüberwindlich erwiesen: die Territorialfrage und das Flüchtlingsproblem. Jeder Versuch der Großmächte, den arabisch-israelischen Konflikt zu schlichten und damit das eigentliche Unsicherheitsmoment im Nahen Osten zu beseitigen, wird mit den einander widersprechenden und miteinander unvereinbaren Thesen zu diesen beiden Punkten fertig werden müssen. Es scheint daher im Vorfeld der Nahost-Konferenz nötig und nützlich, sich die Thesen beider Seiten zu vergegenwärtigen.

Die Araber verlangen als Vorbedingung für alle Friedensverhandlungen, daß sich Israel hinter die Grenzen zurückziehen müsse, die dem jüdischen Staat in der Teilungsresolution der UNO-Generalversammlung vom 29. November 1947 vorgezeichnet worden waren. Aus unserer Karte läßt sich ablesen, was das für Israel bedeuten würde: Verzicht auf einen großen Teil des galiläischen Berglandes mit dem Mittelpunkt Nazareth auf Teile des nördlichen Negev mit der gewaltig aufstrebenden Hauptstadt dieser großen südpalästinensischen Entwicklungsprovinz, Beersheba (wo die Juden aus einem unbedeutenden Marktflecken ein überaus lebhaftes industrielles und kommerzielles Zentrum mit heute schon über 30 000 Einwohnern gemacht haben) und, vor allem, auf die Neustadt von Jerusalem samt dem Korridor, der diese zweitgrößte Stadt Israels mit dem Küstengebiet verbindet (dieser Korridor war im Teilungsbeschluß den Arabern zugesprochen, Jerusalem einer internationalen Verwaltung unterstellt worden).

Israel hat nie einen Zweifel daran gelassen, daß es sich einer nachträglichen Verwirklichung dieser UNO-Beschlüsse widersetzen werde. Es stützt sich dabei vor allem auf drei Argumente:

1. Die Araber haben die Teilung Palästinas nicht anerkannt, sondern 1948 mit Waffengewalt zu verhindern gesucht, daß die Resolution der Vereinten Nationen realisiert werde; sie können sich also nicht nachträglich auf eben diesen Beschluß berufen.

2. Der Beschluß sah vor, daß die arabischen und die jüdischen Teile Palästinas durch eine Wirtschaftsunion zusammengeschlossen würden. Die Grenzen, die Israel gezogen waren, setzten also friedliche Beziehungen zwischen dem jüdischen und dem arabischen Palästina mit freiem Verkehr nach allen Seiten voraus: nur unter dieser Annahme war eine Grenzziehung denkbar, die Israel in drei völlig voneinander getrennte Teile schied. Nach den Erfahrungen der letzten zehn Jahre aber muß diese Voraussetzung als irrealistisch bezeichnet werden.

3. In den letzten zehn Jahren ist das gesamte israelische (oder israelisch besetzte) Gebiet mit Ausnahme eines Teiles von Galiläa von jüdischen Einwanderern besiedelt worden; man kann diesen Leuten weder zumuten, ihre neue Heimat zu räumen, noch unter arabische Herrschaft zu geraten.