A. d. F., Rom, Anfang August

Fanfanis Zehnjahresplan zum Aufbau von Schule und Universität stellt einen Generalangriff dar auf den Voll- und Halb-Analphabetismus, der in einer immer weiter stärker technisierter und immer komplizierter werdenden Welt breite Schichten des italienischen Volkes zur chronischen Arbeitslosigkeit zu verurteilen droht. Die von Fanfani aus der Democrazia Cristiana und den Sozialdemokraten geschmiedete Koalition will aus Italien ein modernes, in jeder Hinsicht konkurrenzfähiges Land machen. Man plant auch, die noch in den Kinderschuhen steckende Berufsschule zu verbessern und die naturwissenschaftliche und technische Forschung großzügig zu unterstützen.

Die Kalamität des Analphabetismus haben schon vor Fanfani alle Regierungen seit Italiens staatlicher Einigung Ende des 19. Jahrhunderts bekämpft. Doch waren bisher die Mittel und Methoden stets unzureichend. Das soll jetzt anders werden.

Die Ausgangslage ist in der Tat deprimierend. Es gibt heute fünfeinhalb Millionen Italiener (13 v. H. der über 6 Jahre alten Bevölkerung), die Analphabeten sind. Den Rekord hält Kalabrien mit 35 v. H. In manchen süditalienischen Orten sind es über 50 v. H. Diese erschreckenden Zahlen werden in Europa nur von Portugal, Spanien, Jugoslawien und Albanien übertroffen. Auf dem Papier besteht zwar seit langem die Schulpflicht bis zum 14. Lebensjahr, in Wirklichkeit aber bleiben, vor allem im Süden des Landes, jährlich Zehntausende von Kindern der Volksschule fern. Ihre Eltern leben entweder in so großem Elend, daß sie auf die Mithilfe der Kinder bei der Beschaffung des Lebensunterhalts angewiesen sind, oder sie haben kein Geld, um das für den Schulbesuch erforderliche Minimum an Kleidung zu beschaffen.

Weitere siebeneinhalb Millionen Italiener (18 v. H.) können nur ihren eigenen Namen schreiten und mühsam einige, Worte buchstabieren. Diese zweite Kategorie besteht aus Schülern, die nur die ersten zwei oder drei Elementarklassen durchlaufen haben. In vielen Volksschulen sitzen neben den

Abc-Schützen große, um Jahre ältere Kinder, die ohne jede Ermutigung der Eltern – im Gegenteil dauernd durch Nebenarbeiten abgehalten – niemals weiterkommen. In einigen südlichen Gegenden bleiben von 100 Schülern 40 bis 50 in der ersten Klasse hängen.

Die dritte Kategorie (59 v. H.) scheidet schon mit dem elften Lebensjahr aus der Schule aus. Ihre Kenntnisse halten den Anforderungen, die die Industrie an einen Facharbeiter stellt, nicht stand. Zum Teil ist dieser katastrophale Zustand auf den Mangel an Schulräumen – es fehlen rund 70 000 – sowie an Lehrern zurückzuführen. In Süditalien sind oft alle Jahrgänge in einer Klasse mit einem einzigen Lehrer vereinigt.