Die italienische Landschaft Toskana ist nicht nur durch die vollkommene Harmonie ihrer Hügel, Berge und Täler, nicht nur durch die Kunstschätze von Florenz, Siena oder Pisa ausgezeichnet, sondern auch durch das Temperament ihrer Bewohner, die zugleich die Zivilisiertesten, die Geizigsten, die Bösesten und die Intelligentesten der Halbinsel sind – so daß sie denn von den übrigen Italienern nicht durchweg geliebt werden. Sie unterscheiden sich von den anderen Italienern auch dadurch, daß sie in ewigen Fehden leben, was den Toskaner zu einem schlechten Soldaten gegen den äußeren Feind und zu einem gefürchteten Gegner im Innern macht. Bleibt zu bemerken, daß Amintore Fanfani, der heutige Ministerpräsident und der Nachfolger de Gasperis in der Leitung der größten italienischen Partei, der Democrazia Cristiana, Toskaner ist.

Er hat das Warten lernen müssen. Immer wieder mußte er sich damit beschäftigen, die auseinanderstrebenden Kräfte seiner Partei zusammenzuhalten. Und er hat in diesem unterirdischen Kampfe viel Energie, Geschicklichkeit und eine gesunde Dosis von Skrupellosigkeit bewiesen. Denn obgleich Fanfani persönlich von untadeliger Ehrenhaftigkeit ist, zog er es als echter Italiener stets vor, die Unehrlichkeit seines Nächsten lieber auszunützen als sich darüber zu empören. In den kurzen Wochen, in denen er einmal Innenminister und dadurch Chef der Polizei gewesen war, hatte er sich die Geheimakten über viele Politiker geben lassen. Woraufhin er sein neues Wissen dazu benutzte, seinen Ansichten Nachdruck zu verschaffen.

Das große Publikum Italiens, aber auch viele ausländische Beobachter finden sich schlecht in dem politischen Labyrinth unserer Politik zurecht und sind der Meinung, Fanfani habe einfach das Erbe de Gasperis angetreten und als Vertreter des „linken Flügels“ der Christlich-Demokraten die Überhand gewonnen gegenüber der mehr konservativen Rechten mit Pella und Scelba und der gemäßigten mittleren Linie. Aber die Wahrheit ist anders: Fanfani hat deshalb die Oberhand bekommen, weil er die Geheimakten seiner Widersacher kannte, während die Gegner nichts Belastendes über ihn in Händen hatten.

Um das Temperament dieses Mannes zu verstehen, muß man zwei Dinge beachten: seine Gestalt und seine relativ jungen Jahre. Er ist klein von Wuchs, wie Dollfuß, aber immer geistreich genug, selber über seine Statur zu scherzen. Außerdem gehört er zu jenen seltenen Menschen, die die Kritik anderer gelten lassen und anhören können. Er ist ein vorbildlicher Gatte, Vater und Großvater und verbirgt seinen schrankenlosen Ehrgeiz hinter einem Tarnschleier von persönlicher Bescheidenheit. Er ist ein ausgezeichneter Redner. Steht er auf dem Podium, so läßt er nie eine Gelegenheit vorübergehen, seine Ergebenheit vor dem Gedächtnis de Gasperis auszudrücken, der ihn kurz vor seinem Tode als seinen Nachfolger bestimmte.

Dennoch wird man zweifeln dürfen, ob Fanfani die Absicht hat, jetzt, da ihm die Regierung zugefallen ist, das Werk de Gasperis fortzusetzen. De Gasperi samt seinen Ideen und Anschauungen stammte aus der Zeit des Vorfaschismus. Die faschistische Polizei hatte kein Interesse daran, ihn zum Märtyrer zu machen, und ließ ihn während all der Jahre ungeschoren in der Bibliothek des Vatikans. Freilich wurde er dadurch an den Rand des nationalen Lebens gedrängt, in eine Art Exil im eigenen Lande. Als de Gasperi dann in das öffentliche Leben zurückkehrte, war er überzeugt, daß der Faschismus von Anfang bis zum Ende ein schrecklicher Irrtum gewesen sei, den man aus der Geschichte der Nation auslöschen müßte.

Nun ist der Faschismus sicherlich ein fürchterlicher Irrtum – mindestens dies – gewesen. Aber er hatte dennoch in der Nation neue Kräfte erweckt und neue Ideen erzeugt, und sei es auch nur als Reaktion gegen seine Tendenzen. De Gasperi aber wollte dies nicht wahr haben. Er zog es vor, zu ignorieren, was ihn an neuen Ideen störte.

Fanfani dagegen war unter dem Faschismus großgeworden. Niemand kann ihn vorwerfen, er sei Faschist gewesen, aber seine Stellung gegenüber dieser autoritären Staatslehre war die eines Kritikers, nicht die des absoluten Verneiners. Er las damals über Korporationsrecht an der katholischen Universität in Mailand, Und wenn seine These auch nicht orthodox war, so nahm er doch das wirtschaftliche und rechtliche Problem, das unter dem Kennwort „Korporationen“ lief – und das eine Erfindung Mussolinis war – vollkommen ernst. Für ihn waren die zwanzig Jahre faschistischer Herrschaft von Bedeutung gewesen, denn er hatte sie miterlebt.