Im Brennpunkt des englischen Interesses steht augenblicklich das Schicksal des Protektorats Kuweit, das drei Fünftel des Ölbedarfs von Großbritannien deckt. Der Scheich von Kuweit, Herr über 200 000 Seelen, erhält jährlich etwa 100 Mill. Pfund, also 1,2 Mrd. D-Mark an Oil Royalties. Nach dem Protektoratsvertrag darf er den Status von Kuweit nicht verändern, da aber das kleine Scheichtum Kuweit für alle ölsüchtigen Interessenten nah und fern die fetteste und daher erstrebenswerteste Beute darstellt, ist man seiner in London nicht mehr so sicher wie bisher.

In den Schulen Kuweits, die der Scheich dank des Ölsegens hat einrichten können, wirken vor allem ägyptische Schullehrer. Es gibt zwei Zeitungen, die beide keinen Hehl aus ihrer Verehrung für Nasser machen. Die ökonomischen und politischen Berater des Fürstenhauses sind Briten, aber die Beamtenschaft rekrutiert sich zum großen Teil aus palästinensischen Flüchtlingen, die im allgemeinen gläubige Jünger des Großarabischen Nationalismus sind. Freilich erscheint es fraglich, ob „Intellektuelle“ sich in einem Lande durchsetzen können, in dem die wirtschaftlichen Bedingungen so günstig sind wie in Kuweit: Niemand zahlt Steuern, niemand bettelt; soziale und gesundheitliche Betreuung ist frei; Wasser und Strom kosten fast nichts; die primitiven Buden im Bazar sind ausgestattet mit Radios, Frigidaires und den letzten Errungenschaften der Zivilisation.

Mag sein, daß der allgemeine Wohlstand ein guter Schutz gegen revolutionäre Strömungen bietet, wie aber – und dieser Stachel des Argwohns sitzt tief – wenn der Landesherr aus eigenem Entschluß (dem Iman von Jemen gleich) sich unter die Fittiche Nassers begeben sollte? Nach dem alten Gesetz: nirgends ist die Taube so sicher wie in des Adlers Nest. M.D.