Im Mode-Herzen der Welt wurde der Sack verabschiedet und das Neue noch nicht auf eine Formel gebracht

Von K. E. Russell

Paris, Anfang August

Es ist nicht das erste Mal, daß sich die Mode – wie in diesem Frühjahr und Sommer – in eine Sackgasse verirrt hat, und es wird auch nicht das letzte Mal sein, daß sie sich mit Grazie wieder aus ihr herausschlängelt. Allerdings hat das, was allgemein als „Mode“ bezeichnet wird, mit den Pariser Couture-Vorschlägen manchmal wenig zu tun. Es ist ein langer Weg, der vom Atelier des Couturiers bis zum Modegeschäft in Dallas, Liverpool oder Kassel führt; er beginnt mit kritischem Prüfen und Sieben des Konfektionärs und seines Modellisten und ist noch lange nicht zu Ende, wenn sich die Einkäufer in seinem Vorführraum oder auf den großen Messeveranstaltungen treffen, um herauszufinden, ob sie die „neue Linie“ wirklich riskieren können ... Wenn diese schließlich „unter die Leute“ kommt, hat sie eine rigorose Selektion durchgemacht, die Schönheitswerte durch Umsatzchancen substituiert hat.

Im Vorfilter während der Pariser Vorführungen wird vom Konfektionär alles selbstherrlich eliminiert, was – seiner Meinung nach – die Kundschaft nicht interessiert. Und die Einkäufer, denen die Möglichkeiten des Vergleichs mit dem Reichtum und der Vielfalt der Originale fehlen, schwanken bei ihrer Wahl zwischen Kleidern, die als „neu“ oder „revolutionär“ ins Schaufenster gestellt werden können, und solchen, die „immer gehen“ und nie versagt haben. Wieder und wieder wird gesiebt: von Stufe zu Stufe werden rein modische Aspekte zugunsten kommerzieller Erwägungen zurückgestellt. Da es nicht ganz ohne „Schlagwort“ geht, und man der wartenden Frau unbedingt „Nouveautés“ bieten will, wird der lauteste „Schrei“ in den Vordergrund, ja sogar in den Brennpunkt einer weltweiten Propaganda gerückt.

„Pariser Nimbus“

Das kann eine Weile gut gehen, solange der modische Trend den geheimen – oft unbewußten – Wünschen der Frau entgegenkommt, oder aber – ohne seinen Pariser Nimbus ganz einzubüßen – auf einen für den Durchschnitt „tragbaren“ Nenner gebracht werden kann. Daß es niemals ganz ohne eine Dosis von mehr oder weniger ehrlicher Entrüstung abzugehen pflegt, hat der ideell und kommerziell erfolgreichste Couturier unserer Generation, Christian Dior, immer wieder erlebt: es verging kaum eine Saison, ohne daß die zeitweilige Stilfacette nicht ein leidenschaftliches Für und Wider ausgelöst hätte. Im allgemeinen war es das Klappern, das zum Handwerk gehört, und bald beruhigten sich die Gemüter.