RH, Karlsruhe

Es geschah in Westfalen. Da sprach eines Nachmittags der Lehrer X zu seinem Sohn und dessen Klassenfreund Meier: „Kommt, ich lese euch eine Geschichte vor, die wollen wir dann mal nachzuerzählen üben.“ Und übte mit den beiden Knaben die Nacherzählung der Erzählung „Der listige Dieb“.

Wenige Tage später begannen die Aufnahmeprüfungen für die Höhere Schule. Klopfenden Herzens saßen die Prüfungskandidaten da – unter ihnen Meier und Heini X. Der Deutsche Aufsatz war dran. „Hört fein zu“, sagte der prüfende Lehrer, „ich lese euch jetzt eine Geschichte vor, die sollt ihr dann nacherzählen.“ Und begann, den Knaben die Erzählung „Der listige Dieb“ vorzulesen.

„Oh“, rief da der Schüler Meier, „die Geschichte kenne ich schon. Die hat der Lehrer X mit uns geübt.“

„Mit wem?“ wird er gefragt. „Mit mir und seinem Sohn Heini.“ Diese schöne Offenbarung aus Meiers reinem Herzen hatte Folgen. Der Lehrer beriet sich mit dem Direktor, der Direktor mit dem Kollegium. Erstes Ergebnis: Meier und Heini X bekamen eine andere Geschichte. Zweites Ergebnis: Lehrer X., dem dienstlich bekannt gewesen war, daß „Der listige Dieb“ Prüfungsaufgabe sein würde, wurde wegen Geheimnisbruchs angeklagt.

In Paragraph 353 b des Strafgesetzbuches heißt es: Ein Beamter, der unbefugt ein ihm bei Ausübung seines Amtes anvertrautes oder zugänglich gewordenes Geheimnis offenbart und dadurch wichtige öffentliche Interessen gefährdet, wird mit Gefängnis bestraft.

Das Landgericht war der Ansicht, daß Lehrer X wichtige öffentliche Interessen gefährdet habe und verurteilte ihn zu sechs Wochen Gefängnis, der Angeklagte aber legte Revision ein. Jetzt hat der Bundesgerichtshof in Karlsruhe das Urteil aufgehoben und die Angelegenheit zur neuen Verhandlung an das Landgericht zurückverwiesen. Dies ist – in laienhafte Sprache übersetzt – die Begründung der Karlsruher Richter: